2025.03.05 Aschermittwoch

Die infantile Mystik der Ohnmacht – Wie die Fastenzeit die Macht des Unproduktiven heiligt

Alle haben gesündigt und die Herrlichkeit Gottes verloren. Ohne es verdient zu haben, werden sie gerecht, dank seiner Gnade, durch die Erlösung in Christus Jesus.
Röm 3,23.24

Die Lesungen des Aschermittwoch enthüllen eine radikale Theologie der Unfähigkeit: Joel 2,16 befiehlt, sogar Säuglinge zur Bußversammlung zu bringen – Wesen, die weder fasten noch beten können. Dies ist kein Zufall, sondern ein Schlüssel zum Verständnis der Fastenzeit: Gott verlangt nicht unsere Stärke, sondern unsere existenzielle Ohnmacht als Opfer. Das Weinen der Kinder (Joël 2,16-17) wird zum „Gebet des Fleisches“, das keine Worte hat, aber die kosmische Dynamik der Erlösung in Gang setzt („Da erwachte im Herrn die Leidenschaft“, 2,18). Gleichzeitig fordert Jesus in Mt 6,1-18 den Gläubigen auf, wie ein „Geheimagent“ zu handeln – nicht um Werke zu verstecken, sondern um die Machtlosigkeit des Glaubens zu feiern: Nur wer im Verborgenen gibt, betet und fastet, durchbricht die Tyrannei der „Leistungsreligion“.

Der Kirchenvater Johannes Chrysostomus schrieb:
„Gott sucht nicht, dass du groß fastest, sondern dass du klein wirst.“
Die Fastenzeit entlarvt die Illusion, der Mensch könne durch Askese Gott beeindrucken. Stattdessen wird das Scheitern selbst zum Sakrament: Wenn das Fasten hungrig macht (und wir es heimlich brechen), wenn das Gebet trocken bleibt (und wir es dennoch sprechen), wird gerade im Versagen die Gnade greifbar (2 Kor 12,9: „Meine Kraft zeigt sich in der Schwachheit“). Eine Läuterung, die nicht durch Kontrolle, sondern durch Kapitulation geschieht.

Konkret

Die Säuglinge in Joëls Bußversammlung sind ein prophetisches Bild für die Eucharistie. Wie ein Kind den Leib Christi empfängt, ohne ihn zu „verdauen“ oder zu „verdienen“, so sollen wir die Fastenzeit als passives Geschehenlassen begreifen. Nicht wir „machen“ Buße, sondern wir lassen zu, dass Gott unsere Ohnmacht in einen Mutterschoß der Gnade verwandelt (Ps 51,7: „Siehe, in Schuld bin ich geboren, in Sünde hat mich meine Mutter empfangen“). Die Asche auf unserer Stirn ist kein Triumphzeichen der Bußfertigen, sondern das Eingeständnis: Wir sind Staub, der sich beschenken lässt.

Umsetzung

Die wahre Revolution der Fastenzeit ist nicht das, was wir tun, sondern was wir nicht tun können – und wie Gott gerade darin seine Herrlichkeit entfaltet.



Hl. Gregor der Große

Für Gott bedeutet Rufen, den Blick seiner Liebe und Erwählung auf uns zu richten. Und für uns bedeutet Antworten, seiner Liebe durch die Weisheit unserer Werke zu gehorchen. Daher die treffenden Worte: „Rufe mich, und ich werde dir Antwort geben“ (Ijob 13,22 Vulg.). Wir sprechen tatsächlich zu ihm, wenn wir uns nach seinem Antlitz sehnen und bitten, es schauen zu dürfen. Und Gott antwortet auf unsere Stimme, wenn er unserer Liebe erscheint.


Wenn aber ein Mensch [wirklich] in Sehnsucht nach der Ewigkeit schmachtet, dann durchleuchtet er mit durchdringender Selbstkritik jede seiner Taten; er forscht, ob es nichts in ihm gibt, das den Blick seines Schöpfers beleidigen könnte; und Ijob darf hinzufügen: „Wieviel sind meiner Missetaten und Sünden? Meine Frevel und Vergehen zeige mir!“ (Ijob 13,23 Vulg.). Das ist in diesem Leben die schwierige Arbeit des Gerechten: sich selbst zu erkennen und, indem er sich erkennt, zu weinen und sich zu korrigieren, um besser zu werden. [...]


Jeder Mensch also, der in banger Sehnsucht nach der Ewigkeit einst vor den kommenden Richter treten möchte, prüft sich jetzt umso gründlicher, ja, er fragt sich, wie er als freier Mann vor diesem schrecklichen Richter erscheinen kann: Er fleht ihn an, ihm zu zeigen, worin er ihm missfällt, um sich selbst durch Buße dafür zu bestrafen und, indem er in dieser Welt sein eigener Richter wird, nicht mehr vom [göttlichen] Richter gerichtet zu werden.