Patriarch Josef
Ein stilles Reden Gottes
Patriarch Josefs Leben – Ein Stilles Reden Gottes
In der Bibel gibt es zahlreiche Berichte über direkte Begegnungen zwischen Gott und Menschen, wo es heißt: „Und Gott sprach zu...“. Doch bei Josef, dem Sohn Jakobs, finden wir keine solche Stelle. Josef selbst sagt jedoch, als er dem Pharao gegenübertritt: „Nicht ich, Gott wird dem Pharao Gutes verkünden“ (1. Mose 41:16). Wie konnte Josef so sicher wissen, dass Gott durch ihn sprechen würde, obwohl es keinen klaren göttlichen Befehl gab? In seiner Geschichte offenbart sich ein anderes Muster göttlicher Führung – ein stilles, indirektes Reden, das durch die Erfahrungen des Lebens zu ihm sprach. Werfen wir einen genaueren Blick auf das Leben des Patriarchen Josef, um dieses verborgene Reden Gottes zu entdecken.
Der junge Josef – Das Kind der geliebten Frau Jakobs
Josef war nicht nur irgendein Sohn in der großen Familie Jakobs – er war der erstgeborene Sohn der Frau, die Jakob von ganzem Herzen liebte: Rahel. Jakob hatte ursprünglich Rahel zur Frau nehmen wollen, doch ihr Vater Laban hatte ihm in einer List zuerst ihre Schwester Lea gegeben. Erst nach sieben weiteren Jahren Arbeit konnte Jakob auch Rahel heiraten, die Frau, die er eigentlich wollte. Diese besondere Liebe Jakobs zu Rahel übertrug sich auch auf ihren Sohn Josef, den er über alles liebte:
„Israel aber liebte Josef mehr als alle seine anderen Söhne, weil er ihm als Sohn seines Alters geboren war; und er ließ ihm ein prächtiges Gewand machen.“
– 1. Mose 37:3
Josef wuchs also in dem Wissen auf, dass er der Sohn der geliebten Frau seines Vaters war, und dies machte ihn auch in den Augen seiner Brüder zu einem Objekt des Neides und der Eifersucht.
Hirte unter seinen Brüdern – Die Träume
Josef, der geliebte Sohn Jakobs, war schon früh als Hirte mit seinen Brüdern auf den Feldern unterwegs. Die Bibel erzählt uns, dass Josef im Alter von 17 Jahren die Herden seines Vaters mit seinen Brüdern weidete:
„Dies ist die Geschichte Jakobs. Josef war siebzehn Jahre alt, als er mit seinen Brüdern das Kleinvieh hütete. Er war ein Junge, zusammen mit den Söhnen Bilhas und Silpas, den Frauen seines Vaters. Und Josef brachte ihren schlechten Ruf zu ihrem Vater.“
– 1. Mose 37:2
Doch Josef war kein gewöhnlicher Hirte. Schon zu Beginn seiner Geschichte wird klar, dass er von Gott etwas Besonderes erhalten hatte: Träume.
Diese Träume sollten sein Leben und das seiner Familie tiefgreifend verändern. Josef träumte von Garben, die sich vor seiner Garbe verneigten:
„Da sagte er zu ihnen: ‚Hört doch diesen Traum, den ich hatte! Wir banden Garben auf dem Feld, und plötzlich erhob sich meine Garbe und stand aufrecht, und eure Garben stellten sich ringsherum auf und verneigten sich vor meiner Garbe.‘“
– 1. Mose 37:6-7
Und später träumte er von der Sonne, dem Mond und elf Sternen, die sich vor ihm verbeugten:
„Dann hatte er noch einen weiteren Traum und erzählte ihn seinen Brüdern: ‚Ich habe noch einen Traum gehabt: Die Sonne, der Mond und elf Sterne verneigten sich vor mir.‘“
– 1. Mose 37:9
Seine Brüder hassten ihn wegen dieser Träume, und selbst sein Vater Jakob, der ihn liebte, wies ihn zurecht:
„Da wies sein Vater ihn zurecht und sagte: ‚Was ist das für ein Traum, den du gehabt hast? Sollen etwa ich, deine Mutter und deine Brüder kommen und uns vor dir zur Erde niederwerfen?‘“
– 1. Mose 37:10
Doch was niemand zu diesem Zeitpunkt wusste: Diese Träume waren Gottes leise Hinweise auf die zukünftigen Ereignisse in Josefs Leben.
Die Reise nach Sichem – Entfernen von der väterlichen Autorität
Josefs Vater Jakob schickte ihn eines Tages fort, um nach seinen Brüdern zu sehen, die in Sichem die Herden weideten:
„Da sagte Israel zu Josef: ‚Deine Brüder weiden in Sichem das Vieh. Komm, ich will dich zu ihnen senden.‘ Er antwortete: ‚Hier bin ich.‘ Da sagte er zu ihm: ‚Geh doch und sieh nach, ob es deinen Brüdern gut geht und dem Vieh gut geht, und bringe mir Nachricht.‘ So schickte er ihn aus dem Tal von Hebron fort, und er kam nach Sichem.“
– 1. Mose 37:13-14
Diese scheinbar einfache Bitte war der Anfang einer dramatischen Wendung. Indem Josef das Tal von Hebron verließ, entfernte er sich symbolisch von der Autorität seines Vaters. In diesem Moment schien Josef auf sich allein gestellt, doch Gott begleitete ihn unbemerkt.
Der Verrat – Der Mantel und die Grube
Als Josef seine Brüder fand, empfingen sie ihn nicht mit offenen Armen. Ihre Eifersucht und der Hass auf die bevorzugte Stellung Josefs hatten ihren Höhepunkt erreicht. Sie rissen ihm seinen besonderen Mantel vom Leib – ein Symbol der Liebe seines Vaters und seiner herausragenden Position:
„Als Josef bei seinen Brüdern ankam, zogen sie ihm seinen Mantel aus, den prächtigen Mantel, den er anhatte.“
– 1. Mose 37:23
Dieser prächtige Mantel, den Josef von seinem Vater Jakob erhalten hatte, war nicht nur ein Kleidungsstück, sondern ein Zeichen der Gunst, die Josef von Gott und seinem Vater empfing. Seine Brüder, getrieben von Neid, konnten diese besondere Stellung nicht ertragen. Der Mantel wurde für sie ein Symbol ihrer eigenen Zurücksetzung. Indem sie Josef den Mantel entrissen, glaubten sie, ihn seiner besonderen Stellung berauben zu können, doch Gott hatte andere Pläne.
Danach warfen sie ihn in eine Grube, die ohne Wasser war:
„Dann packten sie ihn und warfen ihn in die Zisterne. Die Zisterne aber war leer, es war kein Wasser darin.“
– 1. Mose 37:24
Dieses Bild der Grube, ein leeres Loch in der Erde, spiegelt eine scheinbare Verlassenheit wider. Josef, der einstige Liebling, wurde in die tiefste Verzweiflung gestürzt. Doch die Grube ist nicht nur ein Ort der Trostlosigkeit. Sie ist auch ein Ort des Übergangs. Der Mantel, den Josef verlor, und das Loch, in das er geworfen wurde, sind Vorboten eines tieferen Plans Gottes. Josef verstand vielleicht nicht sofort, was geschah, aber selbst in der scheinbaren Dunkelheit führte Gott ihn leise.
Aus der Grube ins Gefängnis – Die Wiederholung eines Musters
Nachdem seine Brüder ihn aus der Grube verkauft hatten, wurde Josef als Sklave nach Ägypten gebracht. Dort diente er im Haus des Potifar, bevor er fälschlicherweise beschuldigt und ins Gefängnis geworfen wurde. Interessanterweise beschreibt die Bibel seine Gefangenschaft wieder als ein „Loch“ oder eine Grube. Diese sprachliche Verbindung zwischen der Grube, in die seine Brüder ihn geworfen hatten, und dem Gefängnis in Ägypten verdeutlicht ein wiederkehrendes Muster in Josefs Leben. Es scheint, als ob Josef immer wieder in tiefste Schwierigkeiten gestürzt wird, nur um daraus befreit zu werden – und jedes Mal ist es Gott, der ihn leise und unauffällig führt.
Der Aufstieg – Ein neuer Mantel, eine neue Verantwortung
Als der Pharao von beunruhigenden Träumen geplagt wurde, hörte er von Josefs Fähigkeit, Träume zu deuten, und ließ ihn aus dem Gefängnis holen:
„Da ließ der Pharao Josef holen, und sie holten ihn schnell aus dem Gefängnis. Er ließ sich scheren, wechselte seine Kleider und kam zum Pharao.“
– 1. Mose 41:14
Dieser Akt des Kleiderwechselns symbolisiert eine neue Phase in Josefs Leben. Er tritt vor den Pharao, nicht mehr als Gefangener, sondern als jemand, dem Gott Weisheit gegeben hat, um den Pharao zu beraten. Diese neuen Kleider stehen im krassen Gegensatz zu dem Mantel, der ihm am Anfang von seinen Brüdern entrissen wurde. Was ihm einst genommen wurde, wird ihm nun auf höherer Ebene wiedergegeben. Josef tritt in eine Position von Macht und Einfluss ein, aber nicht durch eigene Kraft, sondern durch das stille Wirken Gottes in seinem Leben.
Die Träume des Pharaos – Offenbarung durch Josefs eigene Erfahrungen
Die Träume des Pharaos von den sieben fetten und sieben mageren Kühen sowie den vollen und leeren Ähren hatten nicht nur für das Schicksal Ägyptens Bedeutung, sondern auch für Josef persönlich. Während er die Träume deutete, erkannte Josef Parallelen zu seinem eigenen Leben. Die fetten Kühe erinnerten ihn an die „wohlgestalteten“ Zeiten seiner Jugend, als er der geliebte Sohn war:
„Und Pharao sprach zu Josef: ‚In meinem Traum sah ich, wie ich am Ufer des Nils stand. Da kamen sieben Kühe aus dem Fluss, schön und fett, und weideten im Sumpfgras. Doch dann sah ich sieben andere Kühe, dürr, hässlich und mager. So hässlich habe ich noch nie welche im ganzen Land Ägypten gesehen.‘“
– 1. Mose 41:17-19
Diese Traumdeutung war für Josef nicht nur eine analytische Aufgabe, sondern eine persönliche Offenbarung. Gott zeigte ihm durch die Träume des Pharaos, dass seine eigenen Lebenserfahrungen Teil eines größeren Plans waren.
Die Träume und die Zahlen – Zwei Sets von sieben Jahren
Eine zentrale Frage in der Deutung der Träume des Pharaos war, wie Josef die Kühe mit den Jahren in Verbindung brachte. Die Zahl sieben taucht in der Bibel oft auf, insbesondere in Bezug auf die Arbeit Jakobs für Rachel und Lea. Jakob arbeitete zweimal sieben Jahre – einmal für Rachel, einmal für Lea:
„Da sagte Jakob: ‚Ich will dir sieben Jahre für deine jüngere Tochter Rachel dienen.‘“
– 1. Mose 29:18
Diese doppelten Zeiträume von je sieben Jahren hatten direkte Auswirkungen auf Josef und seine Brüder. Die Frucht dieser Arbeit – die Kinder Jakobs – war nun in der Lage, das Schicksal von Ägypten und ihrer eigenen Familie zu beeinflussen.
Josef erkannte, dass die schönen Jahre – symbolisiert durch die fetten Kühe – zwar vergehen würden, aber dennoch ihre Spuren hinterlassen. Die Ernte der guten Jahre sollte den Menschen helfen, die mageren Jahre zu überleben. Genau wie Josef, der aus seiner eigenen „Grube“ auferstand, sollte das Gute der Vergangenheit den Menschen in den kommenden schwierigen Zeiten das Leben retten.
Der Bogen schließt sich – Josefs Brüder und die Erfüllung der Träume
Neun Jahre nach der Deutung der Träume kehren Josefs Brüder nach Ägypten zurück, ohne zu wissen, dass der Herrscher, vor dem sie stehen, ihr eigener Bruder ist. Josefs erste Reaktion ist Ablehnung. Er will nichts mit ihnen zu tun haben. Doch dann erinnert er sich an seine eigenen Träume und auch an die Träume des Pharaos. Er erkennt, dass er, wie die schönen Kühe, die Aufgabe hat, das Leben seiner Brüder – die „mageren Kühe“ – zu erhalten.
Die Träume, die Josef in seiner Jugend gehabt hatte, erfüllen sich auf eine Weise, die er damals nicht verstehen konnte. Gott hatte all die Jahre über ihn gewacht und durch die Höhen und Tiefen seines Lebens zu ihm gesprochen. Am Ende erkannte Josef, dass alles Teil eines größeren Plans war, den er erst rückblickend verstehen konnte.
Gott spricht in den leisen Momenten
Josefs Geschichte zeigt uns, dass Gott oft nicht laut spricht, sondern durch die Ereignisse und Umstände unseres Lebens zu uns redet. Er gibt uns Hinweise und führt uns durch Höhen und Tiefen, ohne dass wir sofort erkennen, was diese bedeuten. Josefs Leben ist ein Beispiel dafür, wie Gott selbst in den dunkelsten Momenten gegenwärtig ist und uns auf eine größere Bestimmung vorbereitet. So wie Josef schließlich die Bedeutung seiner Träume und der Träume des Pharaos erkannte, können auch wir im Rückblick sehen, wie Gott in unserem Leben wirkt.
Die Christologische Dimension im Leben Josefs: Ein Vorbild für Christus
Das Leben Josefs kann in vielerlei Hinsicht als ein Vorbild für das Leben und Wirken Jesu Christi betrachtet werden. Wie Josef, der von seinen eigenen Brüdern verraten und verkauft wurde, erlebte auch Jesus den Verrat und die Verwerfung durch seine eigenen Leute. Besonders auffällig ist der Verrat durch Judas, einen seiner engsten Jünger – seinen „Bruder“ im engsten Sinne. Judas verkaufte Jesus für 30 Silberstücke, ebenso wie Josefs Brüder ihn für Silberstücke an ägyptische Sklavenhändler verkauften. Beide Male scheint die Situation ausweglos: Josef wird in die Grube geworfen, während Jesus ans Kreuz geht. Doch in beiden Geschichten führt der scheinbare Untergang zu einer göttlichen Wende. Josef wird durch Gottes Wirken zum Retter Ägyptens und seiner Familie, während Jesus durch seine Auferstehung zum Retter der ganzen Menschheit wird. Beide Figuren stehen also für die tiefe Wahrheit, dass Gott durch das Leid und die Opferbereitschaft seiner Auserwählten eine größere Rettung und Erlösung für die Welt bringt.