Sola Scriptura
und das Alte Testament

Die Mündliche Tora und ihre Parallelen zum katholischen Glauben

Im Judentum wird die göttliche Offenbarung durch zwei zentrale Aspekte vermittelt: die Schriftliche Tora und die Mündliche Tora. Die Tora, im engeren Sinne die fünf Bücher Mose, ist der Grundstein der jüdischen Religion und besteht aus zwei Teilen:

Gebote und Mündliche Überlieferung

Einige Gebote finden sich zwar in der Schriftlichen Tora, aber viele wichtige Details stammen aus der Mündlichen Tora. Gott übergab Mose "die Tora und die Gebote", was darauf hinweist, dass es neben der schriftlichen Offenbarung noch eine mündliche Ebene gibt. Beispiele dafür sind:

Rabbi Judah der Prinz und die Verschriftlichung

Vor etwa 1800 Jahren wurde die Mündliche Tora erstmals niedergeschrieben, da Rabbi Judah der Prinz erkannte, dass sie aufgrund der Mühen des Exils in Vergessenheit geraten könnte. Dies führte zur Kompilation der Mischna, der ersten schriftlichen Sammlung der Mündlichen Tora.

Komponenten des mündlichen Gesetzes:

Die Mündliche Tora besteht aus mehreren wichtigen Komponenten:

Unterschied zwischen Schriftlicher und Mündlicher Tora

Die Schriftliche Tora gibt klare, aber oft allgemeine Anweisungen. Viele praktische Details und spezifische Anwendungsbeispiele finden sich jedoch in der Mündlichen Tora. Ohne diese wäre es schwierig, die Gebote der Schriftlichen Tora korrekt umzusetzen, da viele Details nicht explizit im Text stehen.

Judentum als Tradition der Interpretation

Im Judentum basiert die Praxis nicht nur auf der wörtlichen Auslegung der Schriftlichen Tora, sondern auf der langen Tradition der Interpretation, die über Generationen weitergegeben wurde. Dies ermöglicht es, die Tora im Kontext der Zeit und Kultur lebendig zu halten und anzuwenden. Durch diese Tradition können jüdische Gelehrte sicherstellen, dass die Tora sowohl ihrem ursprünglichen Sinn treu bleibt als auch auf moderne Situationen angewendet werden kann.

Quellen:

Parallelen zum katholischen Glauben

Auch im katholischen Glauben spielt die Tradition eine zentrale Rolle, da sie neben der Heiligen Schrift als ein wesentlicher Pfeiler der göttlichen Offenbarung betrachtet wird. Diese Tradition geht zurück auf die Lehren der Apostel und wurde über Jahrhunderte hinweg innerhalb der Kirche weitergegeben. Im Folgenden werden einige wichtige Parallelen zum jüdischen Konzept der Mündlichen Tora gezogen:

Schrift und Tradition im katholischen Glauben

Ähnlich wie die Mündliche Tora die Schriftliche Tora ergänzt, sieht die katholische Kirche die Heilige Tradition als notwendige Ergänzung zur Bibel. Die Apostolische Sukzession, also die ununterbrochene Weitergabe der apostolischen Lehren durch die Bischöfe, stellt sicher, dass die von Jesus Christus und den Aposteln empfangenen Wahrheiten unverfälscht weitergegeben werden. Diese Tradition ist somit nicht nur ein historisches Relikt, sondern eine lebendige Überlieferung, die die Lehre der Kirche formt und erhält.

Ohne diese Tradition würde die Bibel, ähnlich wie die Schriftliche Tora im Judentum, viele wichtige Details nicht ausreichend erklären. Die Gebote allein sind oft zu allgemein gehalten, um eine vollständige Anleitung für das christliche Leben zu bieten. Die katholische Kirche lehrt, dass Bibel und Tradition gemeinsam das volle Verständnis des Glaubens ausmachen, da die Tradition hilft, die Bibel korrekt zu interpretieren und anzuwenden. Die Bibel allein könnte ohne die Tradition leicht missverstanden oder unvollständig interpretiert werden.

Lehramt und rabbinische Autorität

Die katholische Kirche hat, ähnlich wie das Judentum mit seiner rabbinischen Autorität, ein fest etabliertes Lehramt. Dieses Lehramt, bestehend aus dem Papst und den Bischöfen, hat die Aufgabe, die Heilige Schrift und die Tradition authentisch auszulegen und weiterzugeben. Diese Autorität sorgt dafür, dass die Lehre einheitlich bleibt und nicht von individuellen Auslegungen verfälscht wird.

Genau wie die Rabbiner im Judentum Edikte erlassen, um die Befolgung der Tora sicherzustellen, gibt es in der katholischen Kirche Konzilien und päpstliche Lehrentscheidungen, die verbindlich festlegen, wie bestimmte Glaubensfragen zu verstehen und anzuwenden sind. Diese Entscheidungen helfen den Gläubigen, die Bedeutung der Schrift und der Tradition in ihrem Leben zu erkennen und anzuwenden.

Gesetz und Gnade

Im katholischen Glauben ist die Beziehung zwischen dem Gesetz und der Gnade ein zentraler Aspekt, der durch das Verständnis von Thomas von Aquin vertieft wird. In seiner Summa Theologica erklärt Thomas, dass das Alte Gesetz (der mosaische Bund) als ein „Gesetz der Furcht“ galt, weil es auf äußerlichen Ursachen beruhte – die Menschen folgten den Geboten aus Angst vor Strafe oder dem Wunsch nach Belohnung. Dieses Gesetz zügelte vor allem das äußere Verhalten, aber es formte nicht das Herz oder den inneren Willen.

Im Gegensatz dazu beschreibt Thomas das Neue Gesetz (den Bund Christi) als ein „Gesetz der Liebe“. Durch die Gnade, die in die Herzen der Gläubigen eingegossen wird, handeln Christen nicht mehr nur aus Furcht oder Hoffnung auf Belohnung, sondern aus Liebe zur Gerechtigkeit. Dieses neue Gesetz formt den inneren Menschen, sodass er das Gute tut, weil es seinem tiefsten Wesen entspricht – nicht weil er äußere Konsequenzen fürchtet.

Thomas von Aquin erklärt in seiner Summa Theologica, dass der Übergang vom Alten Bund zum Neuen Bund eine Verschiebung in der Art und Weise bedeutet, wie die Gebote erfüllt werden. Das mosaische Zeremonialgesetz, welches kultische Vorschriften wie Opfergaben und rituelle Reinheit beinhaltete, wurde durch das Opfer Jesu am Kreuz abgeschafft. Dies wird auch in Kolosser 2,16 deutlich, wo Paulus schreibt: „Niemand soll euch richten wegen Speise und Trank oder betreffs eines Festes oder Neumondes oder Sabbats“. Diese Zeremonialgesetze waren „Schatten des Zukünftigen“, die im Neuen Bund nicht mehr verpflichtend sind.

Im Gegensatz dazu bleiben die moralischen Gebote, wie die Zehn Gebote, weiterhin gültig. Sie sind Ausdruck des ewigen göttlichen Willens und werden im Neuen Bund nicht durch äußere Befolgung, sondern durch die innere Gnade und Liebe zu Gott erfüllt. Während das Zeremonialgesetz entfällt, bleiben die moralischen und ethischen Vorschriften bestehen, werden aber auf eine höhere, spirituelle Ebene gehoben, da sie nun aus der durch Christus verliehenen Gnade gelebt werden.

Interpretation der Schrift

Im Judentum wird die Tora seit Jahrhunderten durch die Mündliche Tora interpretiert und angepasst. Ein ähnlicher Prozess findet auch in der katholischen Kirche statt, wo die Lehre sich über die Jahrhunderte hinweg weiterentwickelt hat, ohne dabei ihren Ursprung in der apostolischen Tradition zu verlieren. Die katholische Kirche sieht sich als Hüterin der Wahrheit Gottes, die durch die Apostolische Tradition und das Lehramt weitergegeben wird.

Die katholische Tradition stellt sicher, dass die Heilige Schrift in jeder historischen und kulturellen Epoche richtig verstanden und angewendet wird. So wie die jüdischen Rabbiner das Gesetz für ihre Zeit und Kultur interpretieren, hilft das Lehramt der katholischen Kirche, die biblischen Lehren auf moderne Fragen und Herausforderungen anzuwenden, während die zentrale Botschaft des Evangeliums gewahrt bleibt.

Fazit

Im katholischen Glauben gibt es eine tiefe und beständige Verbindung zwischen der Heiligen Schrift und der Tradition, ähnlich wie im Judentum die Schriftliche und Mündliche Tora einander ergänzen. Die Tradition ist dabei kein bloßes Beiwerk, sondern ein unverzichtbares Element, um die Bibel vollständig zu verstehen und die Lehre der Kirche authentisch zu leben. Die katholische Apostolische Tradition erklärt und erweitert die biblischen Gebote, indem sie das göttliche Wort in den jeweiligen historischen und kulturellen Kontext stellt, ähnlich wie die Mündliche Tora die Auslegung und Anwendung der Schriftlichen Tora sicherstellt.

Das Lehramt der katholischen Kirche spielt dabei eine entscheidende Rolle, indem es die richtige Interpretation der Schrift gewährleistet und die Glaubensinhalte für jede Generation neu auslegt, ohne die ursprüngliche Botschaft zu verfälschen. Wie die rabbinische Autorität im Judentum, stellt das Lehramt sicher, dass die Lehre der Kirche kohärent und treu bleibt. Auf diese Weise bewahrt die katholische Kirche den Glauben und die Moralgebote im Licht der Gnade Christi, sodass die Gebote nicht nur formal erfüllt, sondern aus der Liebe zu Gott gelebt werden.

Durch diese Verbindung von Schrift, Tradition und Lehramt bleibt der Glaube lebendig und relevant, während er gleichzeitig den ewigen Willen Gottes unverändert aufzeigt.