09.03.2025
Erster Fastensonntag
Am ersten Sonntag der Fastenzeit richtet sich der Blick auf die Grundlagen des Glaubens: das Bekenntnis zu Gottes rettendem Handeln, die Macht des Vertrauens in Seine Verheißungen und die Standhaftigkeit gegen Versuchungen.
Dtn 26,4–10: Das Volk Israel bekennt Gottes Führung aus der Sklaverei in die Freiheit. Die Darbringung der Erstlingsfrüchte symbolisiert Dankbarkeit und Anerkennung Gottes als Quelle alles Guten.
Ps 91,1–15: Ein Lob auf Gottes unerschütterlichen Schutz für diejenigen, die Ihm vertrauen. Der Psalm verbindet irdische Bedrängnis mit der Gewissheit göttlicher Bewahrung.
Röm 10,8–13: Paulus betont, dass das Bekenntnis zu Jesus als auferstandenen Herrn und der Glaube an Ihn alle Menschen – unabhängig von ihrer Herkunft – rettet.
Lk 4,1–13: Jesus widersteht in der Wüste den Versuchungen des Teufels durch das Wort Gottes. Er zeigt, dass Gehorsam gegenüber dem Vater die Macht der Sünde bricht.
Die Lesungen fordern uns auf, uns klar und entschieden zu Gott zu bekennen, gerade angesichts von Versuchungen, Ängsten oder Nöten. Die Fastenzeit ist eine Einladung, unser Vertrauen radikal auf Gott zu setzen, der in der Vergangenheit zuverlässig geholfen hat (Dtn 26,8), in der Gegenwart rettend bei uns ist (Ps 91,14–15) und in Christus endgültige Erlösung schenkt (Röm 10,9–10).
Die Theologie der Verletzlichkeit als Triumph der Gottessohnschaft
Gottes größte Macht offenbart sich gerade dort, wo der Mensch seine eigene Schwäche annimmt. Im Deuteronomium bekennt Israel nicht nur Gottes Rettung, sondern auch die eigene Erniedrigung („heimatloser Aramäer“, „rechtlos in Ägypten“). Diese Demütigung wird zum Katalysator der Erlösung – erst im Eingeständnis der Ohnmacht wird Platz für Gottes Handeln geschaffen. Psalm 91 vertieft dies: Der „Schutz des Höchsten“ (V.1) gilt nicht denen, die Gefahren meiden, sondern denen, die mitten in der Bedrohung („Löwen, Nattern“, V.13) aktiv vertrauen. Hier liegt der Schlüssel: Gott verherrlicht nicht die Unverwundbarkeit, sondern die verletzliche Treue.
Diese Texte sind dem modernen Mythos der Selbstoptimierung entgegengesetzt. Sie zeigen: Christliche Spiritualität ist kein „Resilienztraining“, sondern ein Training in heiliger Verletzlichkeit. Wie Israel die Erniedrigung Ägyptens im Bekenntnis bewahrt (Dtn 26,6), sollen Gläubige heute ihre Brüche nicht verstecken, sondern sie – wie die Wundmale Christi – als Orte der Begegnung mit Gott heiligen. Die Fastenzeit wird so zur Schule der Entäußerung (Phil 2,7): Wir fasten nicht, um stärker zu werden, sondern um leer genug zu sein, dass Gott in unserer Schwäche Raum gewinnt.
Die drei Versuchungen: Wo die Logik der Welt auf die Logik Gottes trifft
Vom Brot zur Hingabe
Der Teufel fordert Jesus auf, Steine zu Brot zu machen (Lk 4,3). Die Versuchung liegt nicht im Stillen des Hungers, sondern darin, Gottes Sohnschaft als Selbstversorgung zu missverstehen. Jesus antwortet mit Dtn 8,3: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein.“ Er weigert sich, seine Macht egozentrisch zu nutzen – später wird er Brot vermehren, aber für andere (Joh 6,11). Die Botschaft: Wahre Macht dient, sie herrscht nicht.Vom Thron zum Kreuz
Der Teufel bietet „alle Reiche der Welt“ im Tausch gegen Anbetung (Lk 4,6–7). Das Attraktive daran ist nicht die Macht an sich – Jesus weiß, dass ihm „alle Macht im Himmel und auf Erden gegeben ist“ (Mt 28,18) – sondern die Versuchung, sie ohne Kreuz zu erlangen. Ein Messias ohne Leiden hätte die Herzen nicht verwandelt. Herrschaft durch Hingabe. Jesu Antwort („Vor dem Herrn allein sollst du dich niederwerfen!“) entlarvt die Lüge: Wahre Anbetung ist kein Deal mit dem Bösen, sondern ein Akt der Liebe, der im Kreuz gipfelt. In Joh 18,36 sagt Jesus: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt.“ Sein Königtum wird am Kreuz errichtet („INRI“-Schild), nicht durch politische Allianzen.Vom Spektakel zum Schweigen
Die Aufforderung, sich vom Tempel zu stürzen (Lk 4,9–11), zielt auf ein Glauben durch religiöse Show - mach viele sichtbare Wunder, dann glauben die Leute. Der Teufel zitiert Ps 91, um Gott zu einem Garanten spektakulärer Rettung zu degradieren. Jesus weist dies zurück: „Du sollst den Herrn nicht versuchen!“ (Dtn 6,16). Am Kreuz wird dieselbe Versuchung wiederholt („Steig herab, wenn du Gottes Sohn bist!“, Mt 27,40) – doch Jesus bleibt im Tod „hilflos“, um die Macht der Liebe zu offenbaren, die sich nicht durch spektakuläre Rettung beweisen muss, sondern die durch demütigen Gehorsam "bis zum Tod" kommt.
Konkrete Umsetzung:
Bekenntnis der Ohnmacht
Nimm dir täglich 2 Minuten, um eine persönliche „Erstlingsfrucht“ darzubringen: Gib Gott bewusst eine Situation, in der du dich ohnmächtig fühlst (z.B. ein Konflikt, eine Angst). Sprich dazu das Gebet: „Herr, ich bringe dir meine Schwäche – verwandle sie in einen Ort deiner Herrlichkeit.“Schriftgebet gegen Kontrollsucht
Wenn Versuchungen auftauchen (z.B. das Bedürfnis, alles selbst zu regeln), lies langsam Lk 4,1–13. Unterstreiche den Vers, der dich am meisten anspricht, und bete: „Jesus, lehre mich, Macht nicht zu missbrauchen, sondern zu lieben.“Stille statt Spektakel
Verzichte diese Woche bewusst auf ein „religiöses Signal“ (z.B. das Posten eines Bibelverses in sozialen Medien). Stattdessen übe dich im schweigenden Vertrauen: Handle im Verborgenen eine gute Tat, ohne davon zu erzählen – als Zeichen, dass Gottes Anerkennung genügt.