Der Feigenbaum

Die Lektion des Feigenbaums

Die Bedeutung der Bereitschaft

Die Geschichte des Feigenbaums ist eine der faszinierendsten und rätselhaftesten Episoden im Neuen Testament. Sie zeigt Jesus, der einen Feigenbaum verflucht, der keine Früchte trägt, obwohl es nicht die Jahreszeit dafür ist. Auf den ersten Blick scheint dieses Ereignis widersprüchlich und sogar ungerecht. Warum verflucht Jesus einen Baum, der keine Früchte tragen kann? Diese Frage wird oft von Kritikern des Christentums als Beweis dafür angeführt, dass Jesus nicht göttlich ist – warum sollte Gott schließlich nicht wissen, dass es nicht die Zeit für Feigen ist?

Die Symbolik des Feigenbaums

Um diese Frage zu beantworten, müssen wir tiefer in die Symbolik eintauchen, die uns durch den Feigenbaum vermittelt wird. Jesus weiß selbstverständlich, dass der Baum keine Früchte tragen kann, da es nicht die richtige Jahreszeit ist. Doch der Feigenbaum ist ein Symbol – nicht nur für das Volk Israel, sondern für alle Gläubigen. Das zentrale Thema hier ist die Bereitschaft. Jesus lehrt uns durch das Beispiel des Feigenbaums, dass wir jederzeit bereit sein müssen und nicht wie der Baum unfruchtbar sein dürfen, wenn wir vor Gott treten.

Wenn wir uns die Ereignisse im Evangelium ansehen, stellen wir fest, dass das Verfluchen des Feigenbaums (Markus 11:12-14) direkt nach Jesu Einzug in Jerusalem (Markus 11:1-11) und unmittelbar vor der Reinigung des Tempels (Markus 11:15-19) geschieht. Diese Reihenfolge ist bedeutsam. Jesus betritt die Stadt, findet jedoch, dass sowohl der Tempel als auch das Volk nicht bereit sind, ihn anzunehmen. Sie sind unvorbereitet – genauso wie der Feigenbaum. Diese Unvorbereitetheit wird durch das Bild von Adam und Eva verstärkt, die ihre Nacktheit mit Feigenblättern bedecken. Auch sie waren nicht bereit, Gott zu begegnen. Dies ist ein wiederkehrendes Muster: der Eintritt ins Königreich, die Erkenntnis der Unvorbereitetheit und der Verrat.

Die Lektion der Jahreszeiten

Die Lektion ist klar: Der Feigenbaum kann nur gemäß den Jahreszeiten wachsen. Er trägt im Sommer keine Früchte und kann das Reifen seiner Früchte im Winter nicht beschleunigen. Er ist in einem ständigen Zustand der Unvorbereitetheit. Doch wir Menschen sind keine Feigenbäume – wir haben die Fähigkeit, uns vorzubereiten. Jesus ruft uns auf, wachsam zu sein und uns nicht auf „spätere Jahreszeiten“ zu verlassen. Wir dürfen nicht hoffen, dass es immer eine weitere Gelegenheit zur Reue gibt. Die Zeit zur Umkehr ist jetzt. Wer auf den „richtigen Moment“ wartet, läuft Gefahr, diesen Moment zu verpassen und die Nähe zu Christus zu verlieren.

In unserer heutigen Welt sind viele von uns "Kulturchristen". Wir gehen zur Kirche, vielleicht einmal im Jahr zur Beichte, beten hin und wieder. Doch das ist nicht genug. Das ist nicht das, was Jesus von uns fordert. Sein Aufruf ist kein apokalyptischer Weckruf – es ist ein Aufruf zur beständigen Reue, zum Wachsen und zur echten Bereitschaft, ihm zu begegnen. Wir müssen bereit sein, gute und reife Früchte zu tragen, wenn die Zeit kommt.

Das Wachstum als kontinuierlicher Prozess

Markus 13, 28-32: Lernt etwas aus dem Vergleich mit dem Feigenbaum! Sobald seine Zweige saftig werden und Blätter treiben, erkennt ihr, dass der Sommer nahe ist. So erkennt auch ihr, wenn ihr das geschehen seht, dass er nahe vor der Tür ist. Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen. Doch jenen Tag und jene Stunde kennt niemand, auch nicht die Engel im Himmel, nicht einmal der Sohn, sondern nur der Vater.

Erkennt, wenn die Jahreszeiten voranschreiten. Denn das Bild des Feigenbaums lehrt uns, dass wir nicht auf die ideale Jahreszeit warten sollen, um zu wachsen und Früchte zu tragen. Die Jahreszeiten des Lebens sind unvorhersehbar. Die Bedingungen mögen niemals perfekt sein. Doch in Jesus zu bleiben, bedeutet, dass er in uns bleibt, und durch ihn können wir viele Früchte tragen. Das Wachstum ist kein einzelner, statischer Akt, sondern ein kontinuierlicher Prozess.

Der Feigenbaum erinnert uns daran, dass Fruchtbarkeit und Bereitschaft nicht immer durch äußerliche Umstände bestimmt werden. Es ist unsere Verantwortung als Gläubige, vorbereitet zu sein – unabhängig von den Jahreszeiten, die uns das Leben präsentiert. Der Aufruf Jesu ist sowohl persönlich als auch gemeinschaftlich. Es geht nicht nur um unser individuelles Wachstum, sondern auch darum, mehr in der Gemeinschaft zu tun: mehr dienen, mehr lehren, mehr führen. Unsere Gemeinschaft soll ein lebendiges Zeugnis für Christus sein.

Das Gericht und die ewige Bereitschaft

Wie die Schriftstelle im Buch Daniel sagt: „Und viele von denen, die im Staub der Erde schlafen, werden erwachen, die einen zum ewigen Leben, die anderen zur Schmach und zur ewigen Verachtung.“ (Daniel 12:2) Dies ist ein Aufruf, stets bereit zu sein, damit wir am Tag des Gerichts nicht fruchtlos vor unserem Herrn stehen. Als Braut Christi müssen wir für unseren Bräutigam bereit sein.

Die Lektion des Feigenbaums ist letztlich eine Herausforderung an uns alle: Werden wir bereit sein, wenn Christus kommt, oder werden wir wie der Feigenbaum unfruchtbar und unvorbereitet sein? Die Zeit zur Umkehr, zur Vorbereitung und zum Wachstum ist jetzt. Lasst uns nicht warten, sondern anfangen, die Früchte zu tragen, die gut und reif sind. Denn Christus kommt, und wir sollten bereit sein, ihm zu begegnen.