Islam und Christentum

Katholische Apologetik und die Kritik am Islam: Die Rolle Jesu und die Frage der Erlösung

Die Debatte über das Verhältnis des Islam zum Christentum wird oft durch theologische Differenzen geprägt, die zentrale Glaubenswahrheiten beider Religionen berühren. Ein besonders kontroverser Punkt ist die islamische Sicht auf Jesus Christus und die Konsequenzen dieser Sicht für das Verständnis von Offenbarung und Erlösung. Der pakistanisch-amerikanische Ex-Muslim und christliche Apologet Nabeel Qureshi (1983–2017) sowie die Äußerungen von Papst Johannes Paul II. (1920–2005) bieten hierzu eindrückliche Analysen, die in katholischen Kreisen häufig diskutiert werden.

Nabeel Qureshi: Jesus als „gescheiterter Prophet“?

Qureshi, der selbst aus einem muslimischen Hintergrund stammte, argumentierte, der Islam stelle Jesus (ʿĪsā im Koran) als einen unwirksamen Lehrer dar. Wenn der Koran betont, Jesus sei „nur ein Mensch“ und ein Prophet gewesen (Sure 5,75), müsse man logischerweise annehmen, dass Jesus es nicht geschafft habe, seine Jünger vom reinen Monotheismus zu überzeugen. Stattdessen hätten seine Anhänger nach seinem Tod eine „göttliche“ Verehrung Jesu entwickelt – was aus islamischer Sicht eine schwere Sünde (Schirk, Beigesellung) darstellt. Für Qureshi offenbare dies einen Widerspruch: Entweder war Jesus tatsächlich Gott (wie das Christentum lehrt), oder er war ein gescheiterter Prophet, der seine Botschaft nicht vermitteln konnte. Da der Islam Letzteres behaupte, untergrabe er zugleich Jesus.

Papst Johannes Paul II.: Islam als „Reduktion der Offenbarung“

In seinem Buch „Überschreiten der Schwelle der Hoffnung“ (1994) äußerte sich der hl. Johannes Paul II. zur islamischen Theologie. Er betonte, der Koran reduziere die Fülle der göttlichen Offenbarung, wie sie im Alten und Neuen Testament entfaltet werde:

„Wer das Alte und das Neue Testament kennt und dann den Koran liest, sieht deutlich den Prozess, durch den die göttliche Offenbarung vollständig reduziert wird. […] Im Islam wurde aller Reichtum der Selbstoffenbarung Gottes, der das Erbe des Alten und Neuen Testaments ausmacht, definitiv beiseitegeschoben. […] Der Islam ist keine Religion der Erlösung. Für das Kreuz und die Auferstehung gibt es keinen Platz.“

Johannes Paul II. hebt hervor, dass der islamische Gott zwar mit „schönen Namen“ beschrieben werde, aber letztlich ein transzendenter, unnahbarer Gott bleibe – nicht „Emmanuel“, Gott-mit-uns. Die Abwesenheit des Kreuzes und der Auferstehung Jesu bedeute, dass der Islam kein Konzept der Erlösung durch Sühne kenne. Jesus werde zwar als Prophet anerkannt, doch seine Rolle als Messias und Sohn Gottes werde abgelehnt. Maria, Jesu Mutter, werde zwar verehrt (der Koran betont ihre Jungfräulichkeit in Sure 19,20–21), doch die „Tragödie der Erlösung“ – also der Opfertod Christi – fehle vollständig.

Theologische Konsequenzen: Keine Erlösung im Islam?

Aus katholischer Sicht ist die Erlösung untrennbar mit dem Pascha-Mysterium (Leiden, Tod und Auferstehung Christi) verbunden. Da der Islam dies ablehnt – der Koran bestreitet sogar die Kreuzigung Jesu (Sure 4,157) –, fehlt ihm ein zentrales Element des christlichen Heilsverständnisses. Für Johannes Paul II. ist dies ein grundlegender Unterschied in der theologischen Anthropologie: Während das Christentum die Menschheit als durch die Erbsünde gefallen und auf Gottes Gnade angewiesen sieht, lehrt der Islam, der Mensch könne durch Werke und Unterwerfung (Islam = „Hingabe“) direkt vor Gott bestehen.

Kritik und interreligiöser Dialog

Diese Positionen sind nicht ohne Spannungen. Muslimische Gelehrte verweisen darauf, dass der Islam Jesus als einen der größten Propheten ehre und sein Wirken (etwa Wunder und die Verkündigung des Monotheismus) respektiere. Die Ablehnung der Kreuzigung sei kein Angriff auf Jesus, sondern eine Betonung von Gottes Allmacht, die keinen „Scheintod“ zulasse.

Dennoch bleibt die katholische Kritik bestehen: Ohne das Kreuz gebe es keine Überwindung der Sünde und keine Versöhnung zwischen Gott und Mensch. Erlösung im christlichen Sinn – als Geschenk der Gnade – sei im islamischen Denken nicht vorgesehen.

Fazit: Ein unüberbrückbarer Unterschied?

Die Äußerungen von Nabeel Qureshi und Johannes Paul II. verdeutlichen, dass die Differenzen zwischen Christentum und Islam nicht nur oberflächliche Lehrstreitigkeiten sind, sondern tiefgreifende Unterschiede im Gottes- und Menschenbild betreffen. Für die katholische Kirche ist die Erlösung durch Christus ein unverhandelbarer Kern des Glaubens – ein Konzept, das im Islam bewusst abgelehnt wird.

Dies unterstreicht die Bedeutung eines klaren Dialogs, der sowohl die Gemeinsamkeiten (z.B. Abraham als Glaubensvater, Betonung des einen Gottes) als auch die unvereinbaren Differenzen benennt. Wie Johannes Paul II. betonte, ist ein respektvolles Gespräch möglich, doch darf dies nicht zur Relativierung zentraler Glaubenswahrheiten führen.


Hinweis: Dieser Artikel gibt die katholische Perspektive wieder und dient der theologischen Reflexion, nicht der Herabwürdigung anderer Religionen. Der interreligiöse Dialog bleibt ein zentrales Anliegen der Kirche, wie auch in Nostra Aetate (Vatikanum II) betont wird.