Sola Scriptura

Katholische Perspektive auf die Entwicklung des biblischen Kanons und die Problematik des Allein-auf-die-Schrift-Vertrauens (Sola Scriptura)

Begriffsdefinitionen (kurzer Überblick)


Was heißt Sola Scriptura – die verschiedenen Auffassungen 

In der protestantischen Tradition gibt es keine einheitliche, allgemein anerkannte Definition von Sola Scriptura. Stattdessen haben sich verschiedene Interpretationen herausgebildet, die jeweils eigene Probleme mit sich bringen. Hier eine Zusammenfassung der gängigsten Varianten:

„Die Schrift ist die EINZIGE Autorität für Christen!“ (auch Solo Scriptura)

„Die Schrift ist die einzige unfehlbare Regel für den christlichen Glauben und das christliche Handeln“

„Allein die Schrift ist unsere oberste Autorität, aber wir haben sekundäre Autoritäten (z. B. Tradition, kirchliche Lehren) zur Auslegung“ (Prima Scriptura)

„Allein die Schrift ist unsere oberste Autorität, aber sie enthält Fehler“ (liberale Sichtweise)

Fazit zu den verschiedenen Sola-Scriptura-Interpretationen
Alle Varianten von Sola Scriptura stehen vor demselben Dilemma: Die Bibel selbst definiert nicht, welche Bücher zu ihr gehören. Ohne eine kirchliche bzw. außerbiblische Autorität ist nicht zu klären, was „Bibel“ eigentlich umfasst. Daraus ergibt sich eine Art Zirkelargument: Man möchte sich nur auf die Schrift berufen, muss aber erst festlegen, welche Schriften eigentlich dazugehören.

Die katholische Position

Aus katholischer Sicht ist der Glaube untrennbar mit der lebendigen Tradition der Kirche und dem kirchlichen Lehramt verbunden. Bibel, Tradition und Lehramt bilden zusammen – unter der Führung des Heiligen Geistes – die Grundlage des Glaubens. Die Kirche hat den biblischen Kanon in einem Prozess über Jahrhunderte erkannt und verbindlich festgelegt; sie war also nicht nur „Empfängerin“, sondern auch das Forum, in dem Gottes Wort als solches identifiziert und als Norm bestimmt wurde. Die Schrift ist irrtumslos und inspiriert, steht aber nicht isoliert: Sie wird in und durch die Kirche ausgelegt, die nach 1 Tim 3,15 „Säule und Fundament der Wahrheit“ ist.


Die Werdegeschichte des biblischen Kanons

Frühe Vielfalt an Schriften
In den ersten Jahrhunderten des Christentums gab es eine große Vielfalt an Schriften, die in den Gemeinden kursierten. Neben den uns heute vertrauten Büchern des Neuen Testaments wurden auch zahlreiche andere Texte gelesen und teils hochgeschätzt. Dazu zählen beispielsweise:

Einige dieser Texte fanden sich sogar in bedeutenden Handschriften wie dem Codex Sinaiticus (4. Jahrhundert). Dort sind etwa Der Hirt des Hermas und der Barnabasbrief ebenfalls überliefert, obwohl sie heute als apokryph gelten.

Kriterien für die Kanonbildung
Die Festlegung des Kanons erfolgte in einem längeren Prozess (3. bis 4. Jahrhundert). Wesentliche Kriterien waren:

Auf Synoden (etwa Hippo 393 und Karthago 397) sowie durch die Arbeit von Kirchenvätern (z. B. Hieronymus bei der Erstellung der Vulgata) kristallisierte sich ein fester Kanon heraus. Schriften, die nicht in diese Liste aufgenommen wurden – zum Teil, weil sie zu spät verfasst, theologisch zweifelhaft oder nur in bestimmten Regionen bekannt waren –, blieben außerhalb des Kanons.


Martin Luther und seine Autorität zur Kanonänderung

Luthers „Kürzung“
Die römisch-katholische Kirche hatte den Kanon, inklusive der sieben sogenannten „Deuterokanonischen Bücher“ (Tobit, Judit, 1/2 Makkabäer, Weisheit, Jesus Sirach, Baruch), bereits seit Jahrhunderten offiziell anerkannt. Martin Luther stellte diese Bücher in seiner Bibelübersetzung (1522 und ff.) jedoch in einen Anhang, oft als „Apokryphen“ bezeichnet, und entfernte sie damit faktisch aus dem Alten Testament. Auch im Neuen Testament äußerte er Vorbehalte gegenüber Büchern wie dem Jakobusbrief („Stroherne Epistel“), Judas und der Offenbarung.

Zudem werden in der katholischen Bibel Teile des Buches Daniel (Kapitel 13–14, Susanna und Bel, der Drache) und Ergänzungen zu Esther ebenfalls zu den Deuterokanonika gezählt. Sie finden sich – teils vollständig, teils in Anhängen – in vielen Septuaginta-Handschriften (Septuaginta: griechische Übersetzung des Alten Testaments aus 250 v. Chr.).

Luthers Gründe für die „Entfernung“ oder Herabstufung

Warum Luthers Gründe aus katholischer Sicht nicht überzeugen

Damit stellte sich die Frage nach Luthers persönlicher Autorität: Woher nimmt ein einzelner Theologe des 16. Jahrhunderts das Recht, einen über Jahrhunderte gewachsenen Kanon zu modifizieren?


Der Widerspruch in „Sola Scriptura“


Bibelverse gegen „Sola Scriptura“

Die Bibel selbst enthält Hinweise darauf, dass Tradition und Kirche eine wichtige Rolle spielen:


Die Bedeutung der Apostolischen Sukzession für die Kanonfrage

Die Apostolische Sukzession, also die ununterbrochene Weitergabe des Amtes und der Lehrautorität von den Aposteln bis zu den heutigen Bischöfen, ist entscheidend, um die Autorität und Integrität des biblischen Kanons zu wahren. Aus katholischer Sicht hat die Kirche durch die apostolische Sukzession nicht nur die Schrift empfangen, sondern auch die Autorität, diese verbindlich zu interpretieren und festzulegen, welche Schriften kanonisch sind.

Warum das entscheidend ist:



Zusammenfassung

Wer also behauptet, nur auf die Schrift zu bauen, muss klären, welche Schrift in den Kanon kommt. Und da tut man sich schwer, ohne kirchliche Autorität zu beantworten, warum manche Schriften (etwa die Deuterokanonika) ausgeschlossen werden sollen und andere (z. B. die Proto- und neutestamentlichen Schriften) nicht.