Sola Scriptura
Katholische Perspektive auf die Entwicklung des biblischen Kanons und die Problematik des Allein-auf-die-Schrift-Vertrauens (Sola Scriptura)
Begriffsdefinitionen (kurzer Überblick)
Kanon (griech. „κανών“, wörtlich „Richtschnur“, „Maßstab“): Bezeichnet die offiziell anerkannten Schriften, die zusammen die Bibel sind. Die Kanonbildung ist ein historischer Prozess, in dem die Kirche bestimmte Bücher als verbindliches Glaubenszeugnis festgelegt hat.
Apokryphen: Schriften, die zwar teils in frühen Gemeinden gelesen, später aber nicht als Teil des biblischen Kanons anerkannt wurden (z.B. 1. Clemensbrief, Hirt des Hermas, Didache, etc.).
Sola Scriptura (lat. „Allein die Schrift“): Ein Grundprinzip der Reformation, wonach ausschließlich die Bibel (als Gottes Wort) die höchste und letztgültige Autorität in Glaubensfragen sein soll.
Apostolische Sukzession: Die ununterbrochene Weitergabe des bischöflichen Amtes von den Aposteln über ihre Nachfolger in der Kirche. Sie bildet aus katholischer Sicht eine wesentliche Grundlage dafür, dass der Glaube und die Auslegung der Schrift in Kontinuität zur Lehre der Apostel stehen.
Was heißt Sola Scriptura – die verschiedenen Auffassungen
In der protestantischen Tradition gibt es keine einheitliche, allgemein anerkannte Definition von Sola Scriptura. Stattdessen haben sich verschiedene Interpretationen herausgebildet, die jeweils eigene Probleme mit sich bringen. Hier eine Zusammenfassung der gängigsten Varianten:
„Die Schrift ist die EINZIGE Autorität für Christen!“ (auch Solo Scriptura)
Grundidee: Die Schrift soll alle Fragen des Glaubens ganz allein regeln, ohne jede zusätzliche Autorität (z. B. Tradition, Konzilien).
Historisch wird auf Martin Luther verwiesen, der in seinen Schriften (Luther’s Works, Bände 32 und 33) mehrfach betonte, dass allein die Schrift „wahre Herrin und Meisterin“ aller Lehren sei. Auch das lutherische Bekenntnis (1577) nennt explizit „die prophetischen und apostolischen Schriften“ als „alleinige Regel und Richtschnur“. Eine Unterscheidung zwischen „einzig unfehlbarer“ und „weiteren fehlbaren“ Autoritäten findet sich hier nicht – sondern eben der Anspruch, dass nur die Schrift selbst das Maß aller Dinge ist.Problem: Die Bibel legt ihren eigenen Kanon nicht fest. Um zu wissen, welche Bücher zum „alleinigen Maßstab“ gehören, braucht man eine außerbiblische Instanz (Kirche, Tradition) – was dem Konzept „allein die Schrift“ widerspricht. Damit ist die Bibel nicht mehr alleinige Autorität, da sie auf eine „externe“ Instanz angewiesen ist.
„Die Schrift ist die einzige unfehlbare Regel für den christlichen Glauben und das christliche Handeln“
Grundidee: Die Bibel ist unfehlbar, andere Autoritäten (Kirche, Glaubensbekenntnisse) sind zwar anerkannt, aber fehlbar.
Problem: Der Begriff „Unfehlbarkeit“ (infallibility) bezieht sich nach katholischem Verständnis auf Personen oder das Lehramt, nicht auf einen Text an sich. Die katholische Kirche lehrt, die Schrift sei irrtumslos (inerrant), nicht aber als „unfehlbares“ (infallible) Dokument zu verstehen. „Unfehlbarkeit“ setzt eine aktive Fähigkeit oder Intentionalität voraus, Fehler zu vermeiden – das kann somit nur auf Personen bzw. auf ein vom Heiligen Geist geleitetes Lehramt zutreffen. Ein Text selbst kann als irrtumslos betrachtet werden, aber nicht als aktiv „unfehlbar“.
Zudem bleibt dieselbe Frage wie zuvor: Wer oder was entscheidet (unfehlbar?), welche Bücher tatsächlich zur Schrift gehören?
„Allein die Schrift ist unsere oberste Autorität, aber wir haben sekundäre Autoritäten (z. B. Tradition, kirchliche Lehren) zur Auslegung“ (Prima Scriptura)
Grundidee: Die Bibel steht übergeordnet, doch Tradition und Lehramt dienen als Hilfen zur Interpretation. Diese Position der Anglikaner oder Methodisten nennt man oft Prima Scriptura (statt Sola Scriptura).
Problem: Sobald die Tradition bzw. das Lehramt festlegt, welche Bücher kanonisch sind und wie sie auszulegen sind, bekommt diese Tradition einen unübersehbar höheren Stellenwert. Sie wird dadurch – zumindest funktional – selbst zur letzten Instanz. Der Kanon selbst (also die Liste, welche Bücher „Heilige Schrift“ sind) ist ein „Vorwissen“, das man benötigt, um überhaupt mit der Bibel zu argumentieren.
„Allein die Schrift ist unsere oberste Autorität, aber sie enthält Fehler“ (liberale Sichtweise)
Grundidee: Die Bibel bleibt höchster Maßstab, kann aber historische oder theologische Irrtümer enthalten. Diese liberale Sichtweise findet man bei einigen modernen protestantischen Theologen oder Gemeinschaften. Sie betonen, dass die Schrift zwar die höchste Autorität darstellt, aber in historischen, naturwissenschaftlichen oder auch theologisch „zweitrangigen“ Fragen Fehler enthalten könne.
Problem: Wenn die Bibel Fehler enthalten kann, braucht man eine andere Autorität, um festzustellen, wo sie irrt. Damit ist die Bibel nicht mehr wirklich oberste Instanz, sondern man unterstellt sie einem höheren Kriterium (z. B. Vernunft, moderne Wissenschaft, historisch-kritische Forschung). Dadurch wird jedoch die Bibel selbst relativiert und kann nicht mehr die absolut oberste Instanz sein.
Fazit zu den verschiedenen Sola-Scriptura-Interpretationen
Alle Varianten von Sola Scriptura stehen vor demselben Dilemma: Die Bibel selbst definiert nicht, welche Bücher zu ihr gehören. Ohne eine kirchliche bzw. außerbiblische Autorität ist nicht zu klären, was „Bibel“ eigentlich umfasst. Daraus ergibt sich eine Art Zirkelargument: Man möchte sich nur auf die Schrift berufen, muss aber erst festlegen, welche Schriften eigentlich dazugehören.
Die katholische Position
Aus katholischer Sicht ist der Glaube untrennbar mit der lebendigen Tradition der Kirche und dem kirchlichen Lehramt verbunden. Bibel, Tradition und Lehramt bilden zusammen – unter der Führung des Heiligen Geistes – die Grundlage des Glaubens. Die Kirche hat den biblischen Kanon in einem Prozess über Jahrhunderte erkannt und verbindlich festgelegt; sie war also nicht nur „Empfängerin“, sondern auch das Forum, in dem Gottes Wort als solches identifiziert und als Norm bestimmt wurde. Die Schrift ist irrtumslos und inspiriert, steht aber nicht isoliert: Sie wird in und durch die Kirche ausgelegt, die nach 1 Tim 3,15 „Säule und Fundament der Wahrheit“ ist.
Die Werdegeschichte des biblischen Kanons
Frühe Vielfalt an Schriften
In den ersten Jahrhunderten des Christentums gab es eine große Vielfalt an Schriften, die in den Gemeinden kursierten. Neben den uns heute vertrauten Büchern des Neuen Testaments wurden auch zahlreiche andere Texte gelesen und teils hochgeschätzt. Dazu zählen beispielsweise:
Der Erste Clemensbrief (1. Clemens): Wurde in Korinth als Autorität angesehen.
Der Hirt des Hermas: Eine allegorische Schrift mit Visionen und Sittenlehre.
Der Barnabasbrief: Frühchristliche Auslegung des Alten Testaments.
Die Didache („Lehre der Zwölf Apostel“): Liturgische und moralische Anweisungen für junge Gemeinden.
Einige dieser Texte fanden sich sogar in bedeutenden Handschriften wie dem Codex Sinaiticus (4. Jahrhundert). Dort sind etwa Der Hirt des Hermas und der Barnabasbrief ebenfalls überliefert, obwohl sie heute als apokryph gelten.
Kriterien für die Kanonbildung
Die Festlegung des Kanons erfolgte in einem längeren Prozess (3. bis 4. Jahrhundert). Wesentliche Kriterien waren:
Apostolische Herkunft (Autor oder enger Schüler eines Apostels),
Orthodoxie (Übereinstimmung mit dem Glaubensgut der Kirche),
Katholizität (weite Verbreitung und Akzeptanz in den Gemeinden),
Liturgischer Gebrauch (regelmäßiges Vorlesen im Gottesdienst).
Auf Synoden (etwa Hippo 393 und Karthago 397) sowie durch die Arbeit von Kirchenvätern (z. B. Hieronymus bei der Erstellung der Vulgata) kristallisierte sich ein fester Kanon heraus. Schriften, die nicht in diese Liste aufgenommen wurden – zum Teil, weil sie zu spät verfasst, theologisch zweifelhaft oder nur in bestimmten Regionen bekannt waren –, blieben außerhalb des Kanons.
Martin Luther und seine Autorität zur Kanonänderung
Luthers „Kürzung“
Die römisch-katholische Kirche hatte den Kanon, inklusive der sieben sogenannten „Deuterokanonischen Bücher“ (Tobit, Judit, 1/2 Makkabäer, Weisheit, Jesus Sirach, Baruch), bereits seit Jahrhunderten offiziell anerkannt. Martin Luther stellte diese Bücher in seiner Bibelübersetzung (1522 und ff.) jedoch in einen Anhang, oft als „Apokryphen“ bezeichnet, und entfernte sie damit faktisch aus dem Alten Testament. Auch im Neuen Testament äußerte er Vorbehalte gegenüber Büchern wie dem Jakobusbrief („Stroherne Epistel“), Judas und der Offenbarung.
Zudem werden in der katholischen Bibel Teile des Buches Daniel (Kapitel 13–14, Susanna und Bel, der Drache) und Ergänzungen zu Esther ebenfalls zu den Deuterokanonika gezählt. Sie finden sich – teils vollständig, teils in Anhängen – in vielen Septuaginta-Handschriften (Septuaginta: griechische Übersetzung des Alten Testaments aus 250 v. Chr.).
Luthers Gründe für die „Entfernung“ oder Herabstufung
Orientierung am masoretischen Text (hebräische Bibel) statt der Septuaginta (griechische Bibelübersetzung der Israeliten)
Luther kritisierte die Deuterokanonika oft mit dem Hinweis, sie lägen nicht in hebräischer Sprache vor. Er bezeichnete sie darum als „nicht gleichrangig kanonisch“. Luther richtete sich für das Alte Testament im Wesentlichen nach dem hebräischen Kanon, der in den jüdischen Gemeinden des Mittelalters (und bis heute) maßgeblich ist. In diesem masoretischen Text sind die Deuterokanonika nicht enthalten.Frühe Scholien von Hieronymus
Luther berief sich gern auf Kirchenvater Hieronymus (4. Jh.), den Übersetzer der Bibel ins Lateinische (Vulgata). Hieronymus hatte anfänglich Bedenken gegen einige deuterokanonische Bücher, da er primär auf Schriften, die ihm hebräisch vorlagen, bestand. Allerdings änderte Hieronymus im Laufe seiner seelsorgerischen Arbeit seine anfängliche Position und nahm die Deuterokanonika schließlich in die Vulgata auf – wenn auch mit teils kritischen Randbemerkungen, die seine Vorbehalte widerspiegeln.Dogmatisch-theologische Vorbehalte
Einige Aussagen der Deuterokanonika widersprachen in Luthers Augen seiner neuen Theologie, speziell der Sola fide (Rechtfertigung allein aus Glauben). Die Bücher wie 2 Makkabäer, die für die katholische Lehre vom Gebet für Verstorbene herangezogen werden konnten, waren für Luther aus dogmatischen Gründen zweifelhaft.Bezug zum Neuen Testament
Teilweise wird argumentiert, dass die Deuterokanonika im NT kaum oder gar nicht zitiert werden und somit keine ausreichende „apostolische Bestätigung“ hätten.
Warum Luthers Gründe aus katholischer Sicht nicht überzeugen
Entstehung des Masoretentextes
Bereits im frühen Judentum (1. Jh. n. Chr.) bahnte sich eine Festlegung der hebräischen Schriften an. Viele Gelehrte berufen sich auf das (historisch nicht ganz gesicherte) „Konzil von Jamnia“ (ca. 90 n. Chr.). Dort oder in jenem Zeitraum soll sich allmählich jene Auswahl an Schriften durchgesetzt haben, die später als „masoretischer Kanon“ bezeichnet wurde.
Die eigentliche Standardisierung und Verschriftlichung des masoretischen Textes, wie wir ihn heute kennen, fand erst im Mittelalter (ca. 7.–10. Jahrhundert n. Chr.) durch jüdische Schriftgelehrte statt – also deutlich nach der Zeit Jesu und der frühen Christen. Daher ist es plausibel, dass bei der endgültigen Fixierung des jüdischen Kanons Schriften, die Christen als „messianisch“ deuten, leichter ausgeschlossen bzw. nicht offiziell übernommen wurden. Jedenfalls war der masoretische Kanon den Urchristen nicht bekannt.Die Septuaginta war die Bibel vieler Urchristen
Die Septuaginta (LXX), eine griechische Übersetzung des AT, entstand bereits 250 v. Chr. und enthielt auch die Deuterokanonika. Sie war in der frühchristlichen Kirche sehr verbreitet, besonders im griechischsprachigen Raum (Ägypten, Kleinasien, Syrien). Wenn die Apostel und frühen Christen im Neuen Testament aus dem Alten zitieren, verwenden sie oft die griechische Fassung (LXX). Damit war die Septuaginta für viele Generationen die maßgebliche Schriftensammlung.Archäologische Funde belegen hebräische oder aramäische Ursprungstexte
Spätere archäologische Entdeckungen (z. B. in Qumran/Dead Sea Scrolls) haben gezeigt, dass einige Deuterokanonika (z. B. Tobit und Sirach) doch in althebräischer oder aramäischer Sprache vorlagen. Zwar sind nicht alle deuterokanonischen Bücher vollständig in Hebräisch gefunden worden, aber es widerlegt zumindest das pauschale Argument gegen all die entfernten Bücher, dass sie keinen hebräischen Urtext hätten und folglich nicht inspiriert wären.Kirchliche Tradition über Jahrhunderte
Die deuterokanonischen Schriften waren seit der Spätantike Teil der lateinischen Bibel (Vulgata), die in der gesamten Westkirche gelesen und verkündet wurde. Kirchenväter wie etwa Irenäus von Lyon, Clemens von Alexandrien und Origenes zitierten diese Bücher nicht selten mit derselben Autorität wie die übrigen Schriften. Augustinus verteidigte sie als kanonisch. Die Idee, sie zu verwerfen, war in der lateinischen Kirche bis zur Reformation keine gängige Praxis.Konzilien und Synoden
Das Konzil von Rom (382), das von Papst Damasus I. einberufen wurde, war das erste in der christlichen Geschichte, bei dem eine vollständige Liste der Bücher des Alten und Neuen Testaments formell definiert wurde. Diese Liste legte die Grundlage für die spätere Festlegung des Kanons. Bereits in den Synoden von Hippo (393) und Karthago (397) wurde dise Liste bestätigt, die die Deuterokanonika einbezog. Später bekräftigte das Konzil von Florenz (1431–1449) diese Liste erneut, bevor das Konzil von Trient (1546) sie dann endgültig als verbindlichen Kanon definierte. Daraus wird ersichtlich, dass die Aufnahme der deuterokanonischen Schriften keineswegs erst nach Luther erfolgte, sondern in der katholischen Kirche seit Jahrhunderten fest verankert war.Neues Testament-Zitate sind kein abschließendes Kriterium
Viele kanonische AT-Bücher (z. B. Josua, Richter, Ester) werden nicht im NT zitiert; umgekehrt werden einige nicht-kanonische Schriften (z. B. Buch Henoch) doch zitiert. Das zeigt, dass „im NT zitiert werden“ oder „nicht zitiert werden“ nicht als zuverlässiger Maßstab für Kanonizität taugt.Doppelmoral im Umgang mit Tradition
Luther berief sich einerseits auf „Sola Scriptura“, folgte aber andererseits dem späteren jüdischen Kanon und bestimmten historischen Vorbehalten einzelner Kirchenväter. Das bedeutet de facto, er wählte menschliche Autoritäten, um den kirchlich-traditionell gewachsenen Kanon infrage zu stellen. Aus katholischer Sicht widerspricht das seinem eigenen Prinzip, „nur die Schrift“ als Grundlage zu nehmen, da nirgendwo in der Bibel eine autoritative Liste der Bücher steht.
Damit stellte sich die Frage nach Luthers persönlicher Autorität: Woher nimmt ein einzelner Theologe des 16. Jahrhunderts das Recht, einen über Jahrhunderte gewachsenen Kanon zu modifizieren?
Der Widerspruch in „Sola Scriptura“
Biblische Kanonliste fehlt
Es existiert kein Buch in der Bibel, das alle anderen Bücher als „kanonisch“ aufzählt. Der Kanon wurde vielmehr in der Kirche über Jahrhunderte erkannt und festgelegt.Logischer Zirkel
Sagt man, nur die Bibel sei autoritativ, landet man in einem Henne-Ei-Problem: Man will die Autorität allein aus der Bibel ableiten, obwohl zunächst geklärt werden müsste, welche Schriften überhaupt zur Bibel gehören.Vertrauen auf Luthers Urteil
Wer sich heute auf den protestantischen Kanon stützt, stützt sich damit zumindest implizit auch auf Luthers (und anderer Reformatoren) theologische Entscheidungen. Das ist keine rein biblische, sondern eine historisch-personale Autorität.Historisches Argument
Die Christen der ersten Jahrhunderte kannten keinen festgeschriebenen Kanon, sondern lebten ihren Glauben „Kirche plus Tradition plus (wachsende) Schrift“.Entstehung des Neuen Testaments
Das Neue Testament existierte als Sammlung erst Jahrhunderte nach Christi Tod. Die Kirche, die Apostel und deren Nachfolger hatten den Glauben bereits weitergegeben, bevor das NT in seiner endgültigen Form vorlag.
Bibelverse gegen „Sola Scriptura“
Die Bibel selbst enthält Hinweise darauf, dass Tradition und Kirche eine wichtige Rolle spielen:
1. Timotheus 3,15: „… die Gemeinde des lebendigen Gottes, Säule und Fundament der Wahrheit.“
– Hier wird die Kirche als Fundament der Wahrheit bezeichnet, nicht allein die Schrift.2. Thessalonicher 2,15: „... haltet an den Überlieferungen fest, in denen wir euch unterwiesen haben, sei es mündlich, sei es durch einen Brief!“
– Paulus verweist hier auf mündliche und schriftliche Überlieferung.Johannes 21,25: „Es sind aber noch viele andere Dinge, die Jesus getan hat. … würde die ganze Welt die geschriebenen Bücher nicht fassen.“
– Deutet an, dass nicht alles in der Schrift festgehalten ist.Apostelgeschichte 17,10–11: „... Paulus und Silas nach Beröa. ... sie nahmen das Wort bereitwillig auf und forschten täglich in der Schrift, ob sich’s so verhielte.“
- Damals konnte sich "Schrift" nur auf das Alte Testament beziehen, weil das Neue Testament noch nicht als Sammelwerk existierte. Die Auslegung der Apostel wurde so ergänzend zur bereits bekannten „Schrift“ gebraucht, was auf eine Verbindung von schriftlicher Überlieferung und mündlicher Lehre hinweist.2. Petrus 1:20–21: „Dabei sollt ihr vor allem das erkennen, dass keine Weissagung der Schrift aus eigener Deutung geschieht; denn niemals wurde eine Weissagung durch den Willen eines Menschen hervorgebracht, sondern vom Heiligen Geist getrieben, haben Menschen im Namen Gottes geredet.“
– Diese Verse betonen, dass prophetische Schriften vom Heiligen Geist inspiriert sind. Gleichzeitig wird hier aber auch gesagt, dass „Menschen im Namen Gottes geredet“ haben. Dies lässt sich im katholischen Verständnis mit der apostolischen Sukzession und dem Lehramt der Kirche in Verbindung bringen, das vom Heiligen Geist geführt ist. So wird deutlich, dass die Leitung durch den Geist nicht nur für die Abfassung der Schrift, sondern auch für die korrekte Auslegung und Lehre notwendig ist.
Die Bedeutung der Apostolischen Sukzession für die Kanonfrage
Die Apostolische Sukzession, also die ununterbrochene Weitergabe des Amtes und der Lehrautorität von den Aposteln bis zu den heutigen Bischöfen, ist entscheidend, um die Autorität und Integrität des biblischen Kanons zu wahren. Aus katholischer Sicht hat die Kirche durch die apostolische Sukzession nicht nur die Schrift empfangen, sondern auch die Autorität, diese verbindlich zu interpretieren und festzulegen, welche Schriften kanonisch sind.
Warum das entscheidend ist:
Kontinuität mit den Aposteln: Der Kanon wurde nicht von Einzelpersonen festgelegt, sondern von einer Gemeinschaft, die sich in der apostolischen Nachfolge befindet. Dadurch ist gewährleistet, dass der Kanon im Einklang mit der ursprünglichen Lehre der Apostel steht.
Wahrung der Einheit: Die Sukzession verhindert, dass subjektive oder rein historisch-kulturelle Faktoren die Auswahl der Schriften beeinflussen. Der Kanon wird vielmehr als Ausdruck der universalen und einheitlichen Lehre der Kirche verstanden.
Inspiration durch den Heiligen Geist: Die Kirche lehrt, dass die apostolischen Nachfolger vom Heiligen Geist geleitet sind. Dies verleiht den Entscheidungen der Kirche eine spirituelle Autorität, die über rein menschliches Urteilen hinausgeht.
Zeugnis für die Relevanz des Buches Sirach
Didache 4,3–5 (ca. 50–70 n. Chr.):
„Sei nicht jemand, der seine Hände zum Empfangen öffnet, sie aber beim Geben verschließt [Sirach 4,31]. … Und aus diesen Worten ergibt sich die Lehre: Segnet, die euch fluchen, und betet für eure Feinde und fastet für die, die euch verfolgen.“Zeugnis für den Wert des Buches Tobit
Polykarp von Smyrna, Epistel an die Philipper 10 (ca. 135 n. Chr.):
„Wenn ihr Gutes tun könnt, zögert nicht, denn ‚Almosen erretten vom Tod‘ [Tob 12,9].“... (siehe Link)
Zusammenfassung
Historische Entwicklung des Kanons: Die Bibel ist Ergebnis eines jahrhundertelangen kirchlichen Prozesses.
Luthers Eingreifen: Luther orientierte sich am masoretischen Kanon und an seinen dogmatischen Überzeugungen – vor dem Hintergrund seiner theologischen Reformagenda.
Warum das problematisch ist: Aus katholischer Perspektive hatte sich die Kirche bereits vor Luther verbindlich auf einen Kanon festgelegt (u. a. durch Tradition, Vulgata und spätere Konzilien). Die Deuterokanonika waren seit alters in Gebrauch und fanden sich in vielen Septuaginta-Handschriften – also durchaus in einer sehr alten Tradition.
Sola Scriptura und Kanonfrage: Das Paradox bleibt, dass es zur Festlegung „welche Schrift gilt überhaupt als Schrift?“ immer das Urteil einer übergeordneten Instanz (Kirche, Lehramt, Tradition) braucht.
Wer also behauptet, nur auf die Schrift zu bauen, muss klären, welche Schrift in den Kanon kommt. Und da tut man sich schwer, ohne kirchliche Autorität zu beantworten, warum manche Schriften (etwa die Deuterokanonika) ausgeschlossen werden sollen und andere (z. B. die Proto- und neutestamentlichen Schriften) nicht.