Jesus, die Wahrheit

„Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich.“
(Joh 14,6)

Mit diesen Worten aus dem Johannesevangelium erhebt Jesus Christus einen in der Religionsgeschichte einzigartigen Anspruch: Er sagt nicht nur, dass er die Wahrheit lehrt, sondern dass er selbst die Wahrheit ist. Dieser Satz prägt bis heute die christliche Theologie und Frömmigkeit. Im Folgenden werfen wir einen Blick auf die Bedeutung dieser Aussage im christlichen Kontext und vergleichen sie kurz mit Sichtweisen anderer Religionen.


1. Jesus in der christlichen Tradition

Identität als Sohn Gottes / Logos

Im Johannesevangelium wird mehrfach auf die Göttlichkeit Jesu hingewiesen. „Ich und der Vater sind eins“ (Joh 10,30) verdeutlicht, dass Jesus sich als Mensch gewordener Logos (griechisch für „Wort“, „Vernunftprinzip“ und auch „Wahrheit“) begreift. Nach katholischem Verständnis ist Jesus nicht nur ein weiser Lehrer, sondern wahrer Gott und wahrer Mensch.

Einzigartiger Erlösungsgedanke

Christen glauben, dass Jesu Tod und Auferstehung den Menschen den Weg zu Gott eröffnet haben. Seine Aussage „Ich bin die Wahrheit“ verstehen wir als Hinweis darauf, dass er selbst das Tor zur Gemeinschaft mit Gott ist – nicht nur ein Wegweiser unter vielen. In der katholischen Theologie spielt dieser Erlösungsgedanke eine zentrale Rolle: Durch Jesus empfängt die Welt die Fülle der göttlichen Wahrheit.


2. Jesus in anderen Religionen

Islam

Im Islam wird Jesus (auf Arabisch ʿĪsā) als Prophet und Messias (al-Masīḥ) verehrt, jedoch nicht als Gottessohn. Der Titel „Al-Haqq“ (Die Wahrheit) ist nach islamischem Verständnis allein Allah vorbehalten, während Mohammed der Gesandte (Rasūl) Gottes ist.

Judentum

Im Judentum gilt Jesus überwiegend als jüdischer Lehrer oder Rabbi. Die Vorstellung von Jesus als Gottessohn oder Inkarnation der Wahrheit ist mit dem strengen Monotheismus des Judentums nicht vereinbar. Meist wir er als irrlehrender Prophet gesehen.

Buddhismus

Buddhistische Traditionen kennen Jesus als historische Gestalt allenfalls aus Randnotizen oder betrachten ihn vereinzelt als bodhisattva-ähnliche Figur, der Liebe und Mitgefühl gelehrt habe. Ein Gott-Mensch-Konzept oder ein Absolutheitsanspruch wie im Christentum ist dem Buddhismus fremd.

Hinduismus

Manche hinduistischen Strömungen sehen in Jesus einen Avatara (göttliche Inkarnation), ähnlich wie Krishna oder Rama. Dennoch nimmt er in den meisten hinduistischen Richtungen keine zentrale Stellung ein.


3. Unterschiedliche Sichtweisen auf „Wahrheit“

Alle großen Religionen beschäftigen sich mit der Frage nach der höchsten Realität und dem Sinn des Lebens. Doch während beispielsweise:

… tritt Jesus Christus im Neuen Testament nicht lediglich als Lehrer oder Wegweiser auf, sondern als personifizierte Wahrheit selbst.


4. Jesu Anspruch in der Religionsgeschichte

Dass Jesus sagt: „Ich bin … die Wahrheit“ (Joh 14,6), stellt einen Absolutheitsanspruch dar, der im Vergleich zu anderen Religionsgründern auffällt. Viele von ihnen bieten Lehren, Methoden oder Schriften an, die zur Wahrheit führen sollen. Jesus dagegen macht sich selbst zum Inhalt dieser Wahrheit. Nach dem Verständnis der katholischen Kirche bedeutet dies, dass in Jesus Christus Gott selbst handelt und offenbart, weshalb er das „Antlitz des barmherzigen Vaters“ (vgl. Lk 15,11–32) auf einzigartige Weise sichtbar macht.


5. Die Fülle der Wahrheit: Zeugnis des Zweiten Vatikanischen Konzils und des Katechismus

Das Zweite Vatikanische Konzil lehrt in Lumen Gentium (LG 8) und weiteren Dokumenten, dass die Kirche in einzigartiger Weise „das Sakrament des Heils“ für die Welt ist. Sie bezieht sich dabei auf Jesu Zusage, „Bei euch bin ich alle Tage bis zum Ende der Welt“ (Mt 28,20). Wenn Jesus selbst als die Wahrheit verstanden wird, dann bekennt die katholische Kirche, dass in ihr – als dem „Leib Christi“ – die Fülle der Mittel zur Erlösung und die vollkommene Offenbarung Gottes gegenwärtig ist.

Auch der Katechismus der Katholischen Kirche (KKK 816) bestätigt, dass „die einzige Kirche Christi … in der katholischen Kirche fortbesteht, die von dem Nachfolger Petri und den Bischöfen in Gemeinschaft mit ihm geleitet wird“. Diese Überzeugung gründet sich auf den Glauben, dass sich in Jesus Christus die Fülle dessen offenbart hat, was Gott den Menschen schenken wollte – und dass er seine Kirche durch den Heiligen Geist in alle Wahrheit führen wird (vgl. Joh 16,13).


Fazit

Gerade in dieser konkreten Identität Jesu als wahrer Gott und wahrer Mensch liegt das Herz der christlichen Botschaft. Wenn wir „Ja“ zu Christus sagen, sind wir eingeladen, in seine Gemeinschaft einzutreten und damit den Weg zur Fülle des Lebens zu finden. Sein Wort ist nicht nur eine theologische Aussage, sondern eine Einladung an jeden Einzelnen, in der Beziehung zu ihm das wahre, ewige Leben zu entdecken.

„Ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch befreien.“ (Joh 8,32)

Mögen wir uns immer neu auf diesen befreienden Ruf Jesu einlassen, der uns im Glauben, in den Sakramenten und in der Gemeinschaft der Kirche begegnet.

Dialog kann die Mission nicht ersetzen - Benedikt XVI.

„Der auferstandene Herr beauftragte seine Apostel und durch sie seine Jünger aller Zeiten, sein Wort bis an die Enden der Erde zu bringen und alle Menschen zu seinen Jüngern zu machen. Aber gilt das heute noch? Ist Mission überhaupt noch zeitgemäß? Wäre es nicht sinnvoller, sich zu einem Dialog zwischen den Religionen zu treffen und gemeinsam der Sache des Weltfriedens zu dienen? Kann Dialog die Mission ersetzen?“

„Tatsächlich denken heute viele, die Religionen sollten einander respektieren und in ihrem Dialog eine gemeinsame Kraft für den Frieden werden. Nach dieser Denkweise wird meist vorausgesetzt, dass die verschiedenen Religionen Varianten ein- und derselben Wirklichkeit sind.“

„Die Frage nach der Wahrheit, jene Frage, die Christen von Anfang an am meisten antrieb, wird hier in Klammern gesetzt. Man geht davon aus, dass die eigentliche Wahrheit über Gott letztlich unerreichbar ist und man das Unaussprechliche allenfalls mit einer Fülle von Symbolen darstellen kann. Dieser Verzicht auf die Wahrheit erscheint realistisch und nützlich für den Frieden unter den Religionen in der Welt.“

„Das ist jedoch tödlich für den Glauben. Tatsächlich verliert der Glaube dadurch seine verbindliche Kraft und seine Ernsthaftigkeit; alles wird zu austauschbaren Symbolen herabgestuft, die nur entfernt auf das unzugängliche Geheimnis des Göttlichen verweisen können.“

„…die Verkündigung Jesu Christi zielt nicht darauf ab, möglichst viele Mitglieder für unsere Gemeinschaft zu gewinnen, und noch weniger darauf, Macht zu erlangen. … Wir sprechen von ihm, weil wir uns verpflichtet fühlen, jene Freude weiterzugeben, die uns geschenkt wurde.“

(Ansprache vom 21. Oktober 2014 vor der Fakultät und den Studierenden der Päpstlichen Urbaniana-Universität in Rom)

„Ich habe ein wachsendes Interesse von Regierungen bemerkt, Programme zu sponsern, die den interreligiösen und interkulturellen Dialog fördern sollen. Das sind lobenswerte Initiativen. Gleichzeitig zielen Religionsfreiheit, interreligiöser Dialog und glaubensbasierte Bildung auf mehr als nur auf einen Konsens über praktische Strategien zur Förderung des Friedens. Das übergeordnete Ziel des Dialogs besteht darin, die Wahrheit zu entdecken. Was ist der Ursprung und das Ziel der Menschheit? Was sind Gut und Böse? Was erwartet uns am Ende unseres irdischen Daseins? Nur wenn wir diese tieferen Fragen angehen, können wir eine solide Grundlage für den Frieden und die Sicherheit der menschlichen Familie schaffen, denn: ‚Immer und überall, wo Männer und Frauen vom Glanz der Wahrheit erleuchtet werden, brechen sie von selbst auf den Weg des Friedens auf.‘“

(Botschaft zum Weltfriedenstag 2006, Nr. 3)

„Angesichts dieser grundlegenden Fragen nach Ursprung und Bestimmung der Menschheit schlägt das Christentum Jesus von Nazareth vor. Er ist es, so glauben wir, der ewige Logos, der Fleisch geworden ist, um den Menschen mit Gott zu versöhnen und die grundlegende Vernunft allen Seins zu offenbaren. Ihn bringen wir in das Forum des interreligiösen Dialogs ein. Der leidenschaftliche Wunsch, in seinen Fußspuren zu gehen, treibt Christen dazu an, ihre Herzen und ihren Verstand im Dialog zu öffnen (vgl. Lk 10,25-37; Joh 4,7-26).“

(17. April 2008 in der UNO während seiner Apostolischen Reise in die Vereinigten Staaten)