Furcht Gottes

Warum müssen wir uns vor Gott "fürchten"?

"Meine Seele preist den Herrn" ist der Anfang des Magnificats, eines Lobliedes, das die Jungfrau Maria laut dem Lukas-Evangelium (Lk 1,46-55) gesungen hat, als sie von Elisabeth besucht wurde. In diesem Loblied gibt es einen Vers, der von Furcht spricht: "Denn siehe, von nun an werden mich seligpreisen alle Geschlechter; denn der Mächtige hat Großes an mir getan, und sein Name ist heilig. Und seine Barmherzigkeit währt von Geschlecht zu Geschlecht bei denen, die ihn fürchten." (Lk 1,48-50)

Die Furcht, die hier angesprochen wird, ist nicht so sehr eine Angst im Sinne von Schrecken oder Panik, sondern mehr eine Ehrfurcht oder ein tiefes Respektgefühl. Sie spiegelt die Anerkennung der Größe und Heiligkeit Gottes wider, der als der Mächtige beschrieben wird. Die Furcht Gottes, im positiven Sinn, bedeutet daher, Gott mit Ehrfurcht und Liebe zu begegnen, seine Gebote zu halten und seinem Willen zu folgen.

Diese Art von Furcht bedeutet nicht, dass wir vor Gott erschrecken oder Angst vor ihm haben, sondern dass wir einen tiefen Respekt vor seiner Größe und Liebe haben und dass wir nicht gegen seinen Willen handeln wollen. Der Katechismus sagt: "Die Furcht Gottes lässt uns die Größe Gottes und unsere eigene Kleinheit erkennen, indem sie uns das Böse verabscheuen lässt und uns die Gerichte Gottes vor Augen führt." (KKK 1863)

In diesem Kontext ist die Furcht vor Gott also eine Gabe, die uns hilft, uns immer an seine Größe und Güte zu erinnern und dementsprechend zu leben. Sie ist eine Einladung, in ständiger Beziehung und Gemeinschaft mit Gott zu leben, in Anerkennung seiner grenzenlosen Liebe und Barmherzigkeit.

Die "Gottesfurcht" ist im katholischen Katechismus eine der sieben Gaben des Heiligen Geistes (KKK 1831). Es ist wichtig zu beachten, dass diese Art von "Furcht" keine Angst oder Schrecken bedeutet, sondern vielmehr eine tiefe Ehrfurcht und Respekt vor der Größe und Heiligkeit Gottes. Es bedeutet auch, einen starken Wunsch zu haben, niemals gegen Gottes Willen zu handeln.

Die "Gottesfurcht" im katholischen Verständnis geht Hand in Hand mit Liebe und Vertrauen. Es ist ein Ausdruck der Liebe zu Gott und dem tiefen Wunsch, ihn nicht zu beleidigen. Es ist keine Furcht vor Bestrafung, sondern eher die Furcht, Gott zu enttäuschen.

Der gerechte Richter

Was die "Gerichte Gottes" angeht, so bezieht sich dieser Ausdruck im Kontext des Katechismus oft auf die göttliche Gerechtigkeit. Gott wird oft als ein gerechter Richter dargestellt, der das Gute belohnt und das Böse bestraft. Dies ist in Übereinstimmung mit Gottes Gerechtigkeit und Heiligkeit. Der Begriff "Gerichte Gottes" wird oft verwendet, um auf die ultimativen Konsequenzen unserer Entscheidungen und Handlungen hinzuweisen, vor allem im Kontext des Jüngsten Gerichts, wenn alle Menschen vor Gott stehen und über ihr Leben Rechenschaft ablegen müssen (KKK 1038-1041).

Doch während Gott ein gerechter Richter ist, ist er auch unendlich barmherzig. Im katholischen Verständnis geht Gottes Gerechtigkeit nicht ohne seine Barmherzigkeit. Gott liebt uns immer und sucht immer unser Wohl, selbst wenn wir sündigen. Seine Gerichte sind daher immer von Liebe und Barmherzigkeit geprägt.

In diesem Sinne bedeutet die "Furcht vor den Gerichten Gottes" nicht unbedingt Angst vor Bestrafung, sondern eher eine tiefgreifende Anerkennung unserer Verantwortung gegenüber Gott und unserer Notwendigkeit, in Übereinstimmung mit seiner Liebe und seinen Geboten zu leben. Es ist eine Aufforderung zur Umkehr und zur ständigen Hinwendung zu Gott, getrieben von Ehrfurcht und Liebe.

Unser Nächster

Durch die Furcht vor den Gerichten Gottes erkennen wir unsere Verantwortung, in Übereinstimmung mit Gottes Geboten zu leben. Dies beinhaltet das Gebot, unseren Nächsten wie uns selbst zu lieben (Mk 12,31). So führt die Gottesfurcht uns dazu, andere Menschen mit Liebe, Respekt und Würde zu behandeln, in der Erkenntnis, dass sie auch Kinder Gottes sind. 

Die Anerkennung unserer Verantwortung gegenüber Gott führt auch dazu, dass wir uns für Gerechtigkeit und Fairness in der Welt einsetzen. Wir erkennen, dass es Gottes Wille ist, dass wir einander gerecht behandeln, und wir fühlen uns verpflichtet, uns gegen Ungerechtigkeit einzusetzen, wo immer wir sie sehen. 

Die Gottesfurcht erinnert uns daran, dass Gott uns trotz unserer Fehler und Sünden immer wieder vergibt. Dies sollte uns dazu bewegen, auch gegenüber unseren Mitmenschen barmherzig und vergebend zu sein. Wenn wir in Gottesfurcht leben, sind wir eher bereit, anderen zu vergeben und uns für Versöhnung einzusetzen. 

Da die Gottesfurcht uns dazu bringt, Gottes Gebote zu achten, fördert sie auch den Frieden und die Harmonie in unseren Beziehungen zu anderen Menschen. Wir werden dazu gedrängt, Konflikte zu lösen, Frieden zu suchen und gute Beziehungen zu unseren Mitmenschen zu pflegen. 

Fazit

Insgesamt kann also gesagt werden, dass die Furcht vor den Gerichten Gottes, verstanden als Ehrfurcht und Anerkennung unserer Verantwortung gegenüber Gott, uns dazu bringt, uns auch mehr für unsere Mitmenschen einzusetzen und zu bemühen, Liebe, Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Frieden in der Welt zu fördern. Es ist eine Einladung, Gottes Liebe in der Welt sichtbar zu machen.