Wie war Jesus ein Opfer?

Wie war Jesus ein Opfer?

Eines der zentralen Themen im Christentum ist die Aussage, dass Jesus „das Lamm Gottes“ sei, das die Sünde der Welt hinwegnimmt. Doch was bedeutet das eigentlich konkret, und wie trägt sein Tod zur Erlösung bei?

1. Die Aussage „Lamm Gottes“

Johannes der Täufer sagt in Johannes 1,29 über Jesus:

„Siehe, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt wegnimmt!“

Auch an anderen Stellen im Neuen Testament wird Jesus als „Lamm“ oder „Lösegeld“ (engl. ransom) bezeichnet. So stellt er sich selbst dar in Markus 10,45:

„Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich bedienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben als Lösegeld für viele hinzugeben.“

Um diese Begriffe besser zu verstehen, hilft ein Blick zurück ins Alte Testament, besonders ins Buch Exodus, wo die Idee des Opfers und des Paschalamms (auch „Passahlamm“) näher erläutert wird.


2. Das Passahlamm im Alten Testament

Die Vergleichsfigur zum Tod Jesu ist häufig das Passahlamm. Im 2. Buch Mose (Exodus) wird berichtet, dass das Volk Israel auf Gottes Anweisung hin jedes Jahr ein Lamm opfert, das keine Fehler und Makel aufweisen darf (vgl. Ex 12,5). Sein Blut wurde bei der ersten Feier des Passahfestes an die Türpfosten der Israeliten gestrichen, damit der Engel des Gerichts an ihren Häusern vorüberging:

„Euer Lamm soll ohne Fehl sein (…) und die ganze Gemeinde der Israeliten soll es zwischen den zwei Abenden schlachten. Dann sollen sie von dem Blut nehmen und es an die beiden Türpfosten und an den oberen Türrahmen der Häuser streichen, in denen sie es essen.“
(nach Exodus 12,5–7, 13)

Zusätzlich sollte kein Knochen des Lamms gebrochen werden (Ex 12,46) und es durfte nichts bis zum nächsten Morgen übrig bleiben (Ex 12,10). Im Johannesevangelium (Joh 19,33) und in Psalm 34,20 findet sich ein direkter Bezug auf das ungebrochene Knochen­gerüst Jesu, was erneut an diese Passahvorschrift anknüpft.

Parallelen zum Passahlamm im Leben und Sterben Jesu:

Paulus greift diese Entsprechung ebenfalls auf:

„Denn auch unser Passalamm ist geschlachtet, Christus.“
(1 Korinther 5,7)


3. Wie rettet uns Jesu Blut vor der Sünde?

Beim ursprünglichen Passahfest ging es um Israels Befreiung aus der Sklaverei in Ägypten. Das Blut des Lamms an den Türpfosten war ein Zeichen der Verschonung. Im Neuen Testament erkennen die Apostel in Jesu Opfer eine größere, geistliche Befreiung: Befreiung aus der „Sklaverei der Sünde“ (Röm 6,16–18).

Paulus argumentiert, dass wir durch den Glauben an Jesus Christus mit seinem Tod verbunden sind. So ist sein vergossenes Blut wie ein Zeichen an unserem „Haus“ (unserem Leben), das uns vor dem ewigen Tod bewahrt:

„Er hat uns erlöst von der Gewalt der Finsternis und hat uns versetzt in das Reich seines geliebten Sohnes; in ihm haben wir die Erlösung, die Vergebung der Sünden.“
(Kolosser 1,13–14)

Das Wort „Lösegeld“ deutet auf einen Befreiungsakt hin – die Christen verstehen dies meist so, dass Jesus der Preis war, um uns loszukaufen von der Macht der Sünde und des Todes.


4. „Lösegeld-Theorie“ & „Christus Victor“ – Vom Passahlamm zur Erlösung am Kreuz

An dieser Stelle ist es besonders wichtig zu verstehen, dass das Passahlamm ursprünglich kein Sündopfer war. Beim ersten Passah in Ägypten (2. Mose 12) ging es um den Schutz vor der letzten Plage (Tod der Erstgeborenen) und die Befreiung aus der Sklaverei – nicht um Vergebung individueller Sünden wie am Versöhnungstag (Jom Kippur). Das Blut an den Türpfosten zeigte lediglich an, zu wem das Volk Gottes gehörte, damit der Todesengel vorüberging.

Dennoch zieht das Neue Testament eine Parallele zwischen diesem „Befreiungsopfer“ und Jesu Tod am Kreuz: Wie das Blut des Passahlamms Israel aus Ägypten befreite, so befreit Jesu Opfer letztgültig von Sünde und Tod. Dabei ist klar, dass das NT vielfach bezeugt, Jesus sei für unsere Sünden gestorben (vgl. 1 Korinther 15,3; 1 Petrus 2,24; Römer 4,25 u. a.). Die Bibel verwendet also mehrere Bilder (u. a. Passahlamm, Sündopfer, Lösegeld) für das Heilsgeschehen, um verschiedene Facetten derselben Erlösungstat zu verdeutlichen.

Lösegeld-Theorie

Nach dieser Vorstellung ist Jesus das „Lösegeld“, das gezahlt wird, um die Menschen aus der Hand Satans und der Sünde „freizukaufen“. In der Alten Kirche stellte man sich das zum Teil so vor, dass das Lösegeld an den Teufel gezahlt wurde, der jedoch „hereingelegt“ wurde, weil der Tod das göttliche Leben Christi nicht festhalten konnte. Andere wiederum sagten, das Lösegeld sei an Gott selbst geleistet worden, weil seine Gerechtigkeit zufriedengestellt werden musste.

Christus Victor

Bei diesem Ansatz steht der Gedanke im Vordergrund, dass Jesu Tod und Auferstehung den Sieg (lat. victor) über Sünde, Tod und die Mächte des Bösen markieren. Jesus ging scheinbar in die Niederlage des Todes, besiegte dort aber den Tod selbst und eröffnete allen Gläubigen den Weg zu Auferstehung und ewigem Leben.

Offenbarung 5,9 beschreibt dies mit den Worten:

„…denn du [Christus] bist geschlachtet worden und hast mit deinem Blut Menschen für Gott erkauft aus allen Stämmen und Sprachen und Völkern und Nationen.“

Gemeinsam ist beiden Deutungen (Lösegeld und Christus Victor), dass Jesu Tod letztlich zur Befreiung führt. Das Passahlamm steht symbolisch für die Rettung vor dem unmittelbar drohenden Tod und Auszug aus Ägypten – Jesus ist die Erfüllung dieses Bildes: Er erlöst die Glaubenden endgültig von Sünde und Tod und führt sie in Gottes Freiheit.

Jesus – kein Sündopfer wie am Jom Kippur, aber: „für unsere Sünden gestorben“

Hier wird deutlich, dass Jesus kein Sündopfer nach der Art des alttestamentlichen Versöhnungstags (Jom Kippur) darstellt. An Jom Kippur wurde ein spezielles Opfer zur Sühne dargebracht, das in ganz anderer Weise auf das Volk Israel abzielte. Das Passahlamm hingegen fokussierte die Befreiung aus der Knechtschaft und die Verschonung vor dem Gericht – und genau diesen Aspekt hebt das Neue Testament hervor, wenn es Jesus als „unser Passahlamm“ bezeichnet (1 Korinther 5,7).

Gleichzeitig bekräftigen viele Stellen im Neuen Testament, dass Jesus tatsächlich „für unsere Sünden gestorben“ ist (Römer 4,25; 1 Korinther 15,3 u. a.). Das bedeutet:

Auf diese Weise vereint das NT verschiedene alttestamentliche Opferbilder, um das vollumfängliche Heilshandeln Gottes in Christus zu zeigen: Er ist sowohl der, der unsere Sünden trägt, als auch der Befreier aus der Knechtschaft. Daher ist Jesu Tod kein bloßes „Sündopfer im engsten Sinn“, sondern ein umfassender Befreiungsakt Gottes, der die Welt mit sich versöhnt. Diese Überfülle an Bildern und Metaphern veranschaulicht nur, wie groß und tiefgreifend Christi Erlösung für uns ist.


5. Fazit: Ein göttliches Opfer zur Befreiung

Jesus war also kein Menschenopfer, das wir als eine Art barbarisches Ritual verstehen sollten. Vielmehr gab Gott selbst seinen Sohn hin – der Gottessohn opferte sich freiwillig, um die Menschen von geistlicher Knechtschaft zu befreien. Jesus selbst sagt dazu:

„Niemand hat größere Liebe als die, dass er sein Leben lässt für seine Freunde.“
(Johannes 15,13)

Das Blut des Passahlamms, das einst Israel vor dem Tod in Ägypten bewahrte, wird im Neuen Bund zum Bild für Jesu Blut, das uns aus der Sklaverei der Sünde erlöst. Denn:

„Wenn euch nun der Sohn frei macht, so seid ihr wirklich frei.“
(Johannes 8,36)

Jesus ist das größere „Passahlamm“, das nicht nur vor irdischem Gericht, sondern vor ewigem Tod rettet. Er ist das „Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt“.