Athanasius von Alexandrien (um 297 bis 373)
Leben des heiligen Athanasius
Athanasius wurde um 297 in Alexandrien (Ägypten) geboren; das genaue Jahr ist unsicher, die Quellen nennen 295 bis 298. Er wuchs in einer christlichen Familie auf und erhielt eine griechische Bildung. Als junger Mann gehörte er zum Umfeld des Bischofs Alexander von Alexandrien.
325 kam er als Diakon mit Alexander zum Konzil von Nizäa. Dort ging es um die Frage, die ihn sein ganzes Leben lang beschäftigte: Ist Jesus Christus wirklich Gott – oder nur das höchste Geschöpf, wie der Priester Arius lehrte? Am 8. Juni 328 wurde Athanasius selbst Bischof von Alexandrien. Er starb in der Nacht vom 2. auf den 3. Mai 373 in seiner Stadt. Sein Gedenktag ist der 2. Mai.
Fünfmal verbannt
Die Arianer hatten Rückhalt bei mehreren Kaisern. Weil Athanasius nicht nachgab, wurde er fünfmal aus Alexandrien vertrieben, insgesamt rund siebzehn Jahre:
- 335–337: Verbannung nach Trier, nach der Synode von Tyrus.
- 339–346: Zuflucht in Rom. Papst Julius I. nahm ihn auf, eine römische Synode (340) und das Konzil von Serdika (343) bestätigten ihn.
- 356–362: Flucht in die ägyptische Wüste zu den Mönchen, nachdem Soldaten in der Nacht vom 8. Februar 356 die Kirche stürmten, in der er Gottesdienst hielt.
- 362–364 und 365–366: kurze weitere Vertreibungen unter Julian Apostata und Kaiser Valens.
Nur die letzten Lebensjahre konnte er in Frieden als Bischof wirken. Aus dem Satz „Athanasius contra mundum“ – Athanasius gegen die Welt – wurde sprichwörtlich, wie allein er zeitweise stand.
„Das Wort des Herrn, das durch das ökumenische Konzil von Nizäa kam, bleibt in Ewigkeit.“ Athanasius, Epistola ad Afros 2 (eigene Übersetzung nach NPNF 2.4)
Ernennung zum Kirchenlehrer
Papst Pius V. erhob Athanasius 1568 zum Kirchenlehrer, zusammen mit Basilius, Gregor von Nazianz und Johannes Chrysostomus als einen der vier großen Kirchenlehrer des Ostens. In der Ostkirche trägt er den Beinamen „Vater der Orthodoxie“; die orthodoxen Kirchen feiern ihn am 18. Januar.
Worum es ihm ging: Gott wird Mensch, damit wir an Gott Anteil haben
Athanasius’ ganze Theologie hängt an einem Gedanken: Nur wer selbst Gott ist, kann den Menschen retten und mit Gott verbinden. Wäre der Sohn ein Geschöpf, wäre die Erlösung wertlos. Deshalb verteidigte er das Wort homoousios („wesensgleich“) aus dem Glaubensbekenntnis von Nizäa: Der Sohn ist von demselben Wesen wie der Vater.
Dieses Wort steht nicht in der Bibel – die Arianer warfen den Vätern genau das vor. Athanasius antwortete, die Väter hätten es gewählt, weil die Arianer jede Bibelformel mit eigenem Sinn füllten (De Decretis 19). Nach der gängigen Darstellung hat nicht Athanasius das Wort erfunden – es wurde in Nizäa vorgeschlagen, er war damals noch Diakon –, sondern er verteidigte es, bis es sich durchsetzte; manche Darstellungen schreiben es ihm dagegen selbst zu.
„Die Erneuerung der Schöpfung ist durch dasselbe Wort geschehen, das sie am Anfang geschaffen hat. So besteht kein Widerspruch zwischen Schöpfung und Erlösung; denn der eine Vater hat für beide Werke denselben Vermittler gebraucht.“ Athanasius, De Incarnatione 1 (eigene Übersetzung nach der englischen Fassung (CCEL))
Weil der Mensch durch die Sünde in den Tod zurückzufallen drohte, wäre Reue allein zu wenig gewesen. Gott konnte sein Wort über den Tod nicht zurücknehmen; nur das Wort selbst, durch das alles geschaffen wurde, konnte die Schöpfung wiederherstellen. Dazu nimmt es einen Leib an:
„Wenn ein großer König eine große Stadt betritt und in einem ihrer Häuser wohnt, wird um dieses einen Hauses willen die ganze Stadt geehrt. So ist es auch mit dem Wort: Weil es in einem einzigen menschlichen Leib wohnt, hat die Verderbnis des Todes ihre Macht über alle verloren.“ Athanasius, De Incarnatione 9 (eigene Übersetzung nach der englischen Fassung (CCEL), gekürzt)
„Was sollte Gott tun? Was konnte er, da er Gott ist, anderes tun, als sein Bild im Menschen zu erneuern, damit die Menschen ihn durch es wieder erkennen können? Und wie hätte das geschehen können, wenn nicht durch das Kommen des Bildes selbst, unseres Erlösers Jesus Christus?“ Athanasius, De Incarnatione 13 (eigene Übersetzung nach der englischen Fassung (CCEL))
„Er ist Mensch geworden, damit wir vergöttlicht werden; er hat sich durch einen Leib offenbart, damit wir die Idee des unsichtbaren Vaters empfangen; und er hat die Gewalttat der Menschen ertragen, damit wir die Unsterblichkeit erben.“ Athanasius, De Incarnatione 54 (eigene Übersetzung nach der englischen Fassung bei NPNF 2.4)
„Er war also nicht Mensch und wurde dann Gott, sondern er war Gott und wurde dann Mensch, und zwar, um uns zu vergöttlichen.“ Athanasius, Oratio contra Arianos I 39 (eigene Übersetzung nach NPNF 2.4)
„Vergöttlichung“ heißt hier nicht, dass der Mensch Gott wird, sondern dass er durch Christus Anteil am göttlichen Leben erhält. Dieser Satz wurde zur Grundformel der Erlösungslehre der Ostkirche und steht heute noch hinter dem Katechismus (KKK 460).
Gegen Arius: Was auf dem Spiel stand
Arius lehrte, der Sohn sei das erste und höchste Geschöpf, aber nicht ewig und nicht Gott im selben Sinn wie der Vater. Athanasius gibt die Lehre des Arius mit dessen eigenen Worten wieder:
„Gott war nicht immer Vater, sondern es gab eine Zeit, da war Gott allein und noch nicht Vater, und erst danach wurde er Vater. Der Sohn war nicht immer … er wurde aus dem Nichts gemacht, und es gab eine Zeit, da er nicht war.“ Athanasius, Oratio contra Arianos I 5, über die „Thalia“ des Arius (eigene Übersetzung nach NPNF 2.4, gekürzt)
Für Athanasius war das keine Schulfrage: Wäre der Sohn ein Geschöpf, dann wäre Christus nicht Gott, und niemand könnte durch ihn Anteil an Gott erhalten. Deshalb hielt er an Nizäa fest – auch wenn es ihn Amt und Heimat kostete. Gegenüber den Menschen aber blieb er großzügig. Von denen, die nur am Wort „wesensgleich“ zweifelten, schreibt er:
„Wir dürfen sie nicht als Feinde behandeln … sondern wir besprechen die Sache mit ihnen als Brüder mit Brüdern, die meinen, was wir meinen, und nur über das Wort streiten.“ Athanasius, De Synodis 41 (eigene Übersetzung nach NPNF 2.4, gekürzt)
Seine wichtigsten Schriften
Athanasius schrieb in griechischer Sprache. Fünf Werke prägen das Bild:
- Contra Gentes / De Incarnatione („Gegen die Heiden / Über die Menschwerdung des Wortes“, vor 319): Zwei zusammengehörige Schriften an einen gewissen Makarius. Das Wort, durch das Gott die Welt schuf, wird selbst Mensch, um sie neu zu schaffen. Weil alle Menschen dem Tod verfallen waren, nimmt das Wort einen Leib an, gibt ihn für alle in den Tod und überwindet so den Tod.
- Orationes contra Arianos („Reden gegen die Arianer“): Die ersten drei Reden weisen aus der Schrift nach, dass der Sohn nicht geschaffen, sondern vom Vater gezeugt ist. Die vierte richtet sich gegen eine entgegengesetzte Irrlehre (Monarchianismus); sie gehört zu dem Werk, ihre Entstehung ist aber unklar. Dazu kommen De Decretis (Verteidigung des Konzils von Nizäa) und De Synodis (über spätere Synoden).
- Briefe an Serapion: Er verteidigt die Gottheit des Heiligen Geistes gegen die, die ihn zum Geschöpf machen wollten.
- Vita Antonii („Leben des Antonius“, um 357): Das erste große Lebensbild eines Mönchsvaters. Es machte das Leben in der Wüste im ganzen Römischen Reich bekannt und gilt als erste theologische Schrift, die aus dem Mönchtum hervorging.
- Osterfestbriefe: Jedes Jahr kündigte der Bischof von Alexandrien das Osterdatum an und verband es mit einer Predigt. Der 39. Brief (367) ist der bekannteste (siehe unten).
Der 39. Festbrief: die Bücher der Bibel
Im Osterfestbrief des Jahres 367 nennt Athanasius die Bücher, die die Kirche als Heilige Schrift hört. Beim Neuen Testament ist es das früheste Zeugnis, das genau die 27 Bücher aufzählt, die bis heute gelten: vier Evangelien, Apostelgeschichte, sieben katholische Briefe, vierzehn Paulusbriefe (mit dem Hebräerbrief) und die Offenbarung.
Beim Alten Testament zählt er 22 Bücher nach der Zahl der hebräischen Buchstaben. Weisheit, Jesus Sirach, Judit, Tobit und Ester (und zwei weitere Schriften) stellt er in eine eigene Gruppe: Sie gehörten nicht zur festen Liste, sollten aber von denen gelesen werden, die neu zum Glauben kommen. Die Kirche zählt diese Bücher zum Alten Testament; so hielten es im Westen schon die Synoden von Hippo (393) und Karthago (397) und später das Konzil von Trient. Athanasius’ Liste zeigt, dass der Umfang der Schrift im vierten Jahrhundert in den Kirchen noch im Gespräch war.
„Dies sind die Quellen des Heils, damit, wer dürstet, von den lebendigen Worten gesättigt wird, die sie enthalten. Allein in ihnen wird die Lehre der Frömmigkeit verkündet. Niemand füge diesen etwas hinzu, und niemand nehme ihnen etwas weg.“ Athanasius, 39. Festbrief (367), § 6 (eigene Übersetzung nach NPNF 2.4)
Das Leben des Antonius
Die Vita Antonii erzählt, wie der junge Antonius nach dem Tod seiner Eltern in der Kirche das Evangelium vom reichen Jüngling hörte: „Wenn du vollkommen sein willst, geh, verkaufe, was du hast, und gib es den Armen; dann komm und folge mir nach.“ Er verließ sofort die Kirche, gab seinen Besitz an die Dorfbewohner und zog in die Wüste (Kap. 2).
Rund zwanzig Jahre lebte Antonius zurückgezogen. Danach trat er heraus – „wie aus einem Heiligtum, eingeweiht in die Geheimnisse und erfüllt vom Geist Gottes“ (Kap. 14). In Alexandrien trat er 338 gegen die Arianer auf (Kap. 69–70). Als Kaiser Konstantin und seine Söhne ihm schrieben, sagte er seinen Mönchen: Wundert euch nicht, dass ein Kaiser uns schreibt – er ist ein Mensch; wundert euch lieber, dass Gott dem Menschen das Gesetz geschrieben und durch seinen Sohn zu uns gesprochen hat (Kap. 81).
Sein Testament an die Mönche: Lebt, als würdet ihr täglich sterben; haltet keine Gemeinschaft mit den Spaltern und den arianischen Ketzern. Seinen Mantel vermachte er dem Bischof Athanasius (Kap. 91–92). Antonius achtete dabei auf die Ordnung der Kirche und wollte, dass alle Kleriker mehr geehrt werden als er selbst (Kap. 67).
„Wundert euch nicht, wenn ein Kaiser uns schreibt, denn er ist ein Mensch; wundert euch vielmehr darüber, dass Gott den Menschen das Gesetz geschrieben und durch seinen eigenen Sohn zu uns gesprochen hat.“ Athanasius, Vita Antonii 81 (eigene Übersetzung nach NPNF 2.4)
„Lebt, als würdet ihr täglich sterben.“ Athanasius, Vita Antonii 91 (eigene Übersetzung nach NPNF 2.4)
Wie man die Schrift liest
Am Ende von De Incarnatione sagt Athanasius, was dazugehört, um die Heilige Schrift zu verstehen: nicht nur Gelehrsamkeit, sondern ein gutes Leben.
„Zum Erforschen und rechten Verstehen der Schriften braucht es ein gutes Leben und eine reine Seele … Wer den Sinn der heiligen Schreiber verstehen will, muss zuerst sein eigenes Leben reinigen und sich den Heiligen nähern, indem er ihre Taten nachahmt.“ Athanasius, De Incarnatione 57 (eigene Übersetzung nach der englischen Fassung (CCEL), gekürzt)
Was nicht von Athanasius stammt
Das „Athanasianische Glaubensbekenntnis“ (Quicumque) trägt zwar seinen Namen, stammt aber nach heutiger Forschung nicht von ihm, sondern von einem unbekannten lateinischen Verfasser des 5. oder 6. Jahrhunderts. Ebenso gilt eine Schrift über die Jungfräulichkeit, die in syrischer Überlieferung unter seinem Namen läuft („Pseudo-Athanasius“), als unecht.
Warum Athanasius für uns wichtig ist
Athanasius zeigt, dass die Lehre von der Gottheit Christi keine späte Erfindung ist, sondern im vierten Jahrhundert unter hohem persönlichem Preis verteidigt wurde. Er zeigt auch, dass Mönchtum und Bischofsamt zusammengehören: Der Bischof stützte die Mönche, die Mönche stützten den Bischof in der Verbannung.
Als Papst Julius I. Athanasius aufnahm, schrieb er an die arianisch gesinnten Bischöfe, man hätte zuerst an Rom schreiben sollen, bevor ein Urteil gefällt wird (zitiert bei Athanasius, Apologia contra Arianos 35). Wie weit diese Stelle den späteren römischen Vorrang belegt, ist unter Historikern umstritten; sicher ist, dass Athanasius in Rom Rückhalt fand, als der Osten gegen ihn stand.
„Wir kennen Bischöfe, die fasten, und Mönche, die essen … Aber jeder strebe, wo er ist, eifrig; denn der Kranz wird nicht nach der Stellung gegeben, sondern nach dem Tun.“ Athanasius, Brief an Dracontius (354/55) (eigene Übersetzung nach NPNF 2.4, gekürzt)
Quellen
Texte und Stellenangaben: Athanasius, De Incarnatione und die Schriften in Select Works and Letters (Nicene and Post-Nicene Fathers, Serie 2, Bd. 4, hg. von A. Robertson); Vita Antonii in der Übersetzung von R. T. Meyer (Ancient Christian Writers 10). Überblick und Daten: Ökumenisches Heiligenlexikon, katholisch.de. Das Geburtsjahr ist in den Quellen umstritten (295–298); hier steht ein gerundeter Wert.