Stundengebet

Stundengebet

Das Stundengebet (Brevier) ist nicht bloß eine private Andachtsform für Priester oder Ordensleute. Es ist die betende Stimme der Kirche selbst. In ihm heiligt die Kirche den Lauf der Zeit, antwortet auf das Handeln Gottes nicht nur punktuell in der Messe, sondern im Rhythmus des ganzen Tages, und lässt die Psalmen zu ihrer eigenen Sprache werden.

Es besteht vor allem aus Psalmen, Hymnen, Bibellesungen und Fürbitten. Darum ist es keine liturgische Nebensache, sondern eine der schönsten Weisen, wie die Kirche Gott unaufhörlich Lob, Bitte, Klage und Dank darbringt.

Sein Ursprung liegt im jüdischen Tagesgebet und in den festen Gebetszeiten der ersten Christen (vgl. Apg 3,1; 10,9). Besonders die Klöster haben diese Form des Gebets ab dem 4. bis 6. Jahrhundert geprägt.

Das Stundengebet hilft, den ganzen Tag auf Gott auszurichten. Es ist kein Sondergebet für wenige, sondern das offizielle Gebet der Kirche, in das man sich einklinken kann.

Im Zentrum stehen die Psalmen. Gerade dadurch lernt man, nicht nur aus der eigenen momentanen Stimmung heraus zu beten, sondern mit den Worten, die Gott seinem Volk geschenkt hat. Sie ordnen Freude, Angst, Schuld, Hoffnung und Lob in eine Form, die größer ist als der eigene seelische Zustand. Das trägt auch durch Trockenheit, Müdigkeit und einen unruhigen Alltag hindurch.

Die Feier des Stundengebetes ist so aufgebaut, daß der gesamte Ablauf des Tages und der Nacht durch Gotteslob geweiht wird. Katechismus der Katholischen Kirche 1174

Die wichtigsten Gebetszeiten

  • Invitatorium: Eröffnungsgebet des Tages. Es beginnt mit „Herr, öffne meine Lippen ...“ und wird vor der ersten Gebetszeit gebetet.
  • Laudes: Morgenlob der Kirche. Mit Psalmen, dem Benedictus (Lk 1) und Fürbitten wird der neue Tag Gott geweiht.
  • Terz, Sext, Non: Kurze Gebete am Vormittag, Mittag und Nachmittag. Sie erinnern an das Wirken des Heiligen Geistes, an die Hingabe Christi und an seine Todesstunde.
  • Mittagshore: Heute oft als zusammengefasste Form der kleinen Horen gebetet.
  • Lesehore: Eine ausführlichere Gebetszeit mit längeren Lesungen aus der Heiligen Schrift und aus den Kirchenvätern.
  • Vesper: Abendlob der Kirche. Mit Psalmen, dem Magnificat (Lk 1) und dem Dank für den Tag.
  • Komplet: Nachtgebet. Kurz, still und vertrauensvoll mit Psalmen, dem Nunc dimittis (Lk 2) und oft einer Marienantiphon.

Wer betet es und wozu?

Priester und viele Ordensleute sind zum Stundengebet verpflichtet. Laien können freiwillig mitbeten, allein, in der Familie oder in der Pfarrgemeinde.

Der Sinn des Stundengebets ist, den ganzen Tag zu heiligen und im Rhythmus der Kirche zu beten. So verbindet sich das persönliche Gebet mit dem Gebet der ganzen Kirche auf Erden und mit dem Lob Gottes im Himmel.

Auch wenn man es allein betet, bleibt es ein kirchliches Gebet. Man betet nicht nur als Einzelner, sondern mit Christus und mit seiner ganzen Kirche.

Das Stundengebet ist auch eine Schule der Demut. Nicht jeder Psalm passt immer zur eigenen Stimmung. Manchmal klagt man, obwohl man sich stark fühlt. Manchmal lobt man, obwohl man innerlich schwer ist. Gerade das ist geistlich fruchtbar: Man betet nicht nur sich selbst, sondern trägt auch das Gebet anderer mit. So wird aus privater Innerlichkeit eine Teilhabe am öffentlichen Lob Gottes.

Praktischer Einstieg

Für den Einstieg sind meist Laudes und Vesper die besten Gebetszeiten. Man muss nicht sofort alles beten. Wichtiger als Vollständigkeit ist die Treue: lieber regelmäßig eine Hore beten als sich zu viel vornehmen und schnell wieder aufgeben.

Mit der Zeit merkt man oft, dass der Tag eine andere Form bekommt. Man lebt dann nicht mehr nur zwischen Arbeit, Nachrichten und Erschöpfung, sondern zwischen Lob, Bitte und vertrauensvoller Rückgabe an Gott.